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Von Kai

Zufällige Erfindungen

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Dass der Zufall unser persönliches Leben prägt, ist eine banale Feststellung - aber welche Rolle spielt er in der Wissenschaft oder bei der Geburt von Ideen? Wohl dieselbe. Etliche weitreichende Erfindungen verdanken sich skurrilen Zufällen, Unfällen oder gar Fehlleistungen der Entdecker.

Für Startups und Erfinder gilt gleichermaßen, dass sie sich an vorher definierten Zielen orientieren. Wohin die Reise tatsächlich gehen wird, ist jedoch oft nicht absehbar. "Nichts beginnt als großes Projekt, und sofern es kompliziert genug ist, ist niemand schlau genug, um zu wissen, wo es enden wird", sagt Linus Torvalds, der sein revolutionäres freies Betriebssystem Linux nach eigenem Bekunden eher zufällig erfand.

Serendipity

Die Anglo-Amerikaner haben einen eigenen Begriff für jene zufälligen, begrüßenswerten Entdeckungen eingeführt, der sich vom persischen Namen für Ceylon/Sri Lanka - Serendip - herleitet. Der Kunsthistoriker, Politiker und last not least 4th Earl of Oxford, Horace Walpole, prägte den Begriff serendipity 1754 nach der Lektüre der italienischen Ausgabe eines famosen persischen Märchens, das er mit «The Three Princes of Serendip» übersetzte. Jene drei Prinzen machten ständig aberwitzige, zufällige Entdeckungen, die sich jedoch ihrem scharfen Verstand verdankten. Das Konzept der serendipity lässt nicht in einem einzigen Wort übersetzen. Es handelt sich um eine Entdeckung, die rein zufällig gemacht wird. Meistens ist man auf der Suche nach etwas vollkommen Anderem. Amerika ist eine serendipity, weil es nicht Indien war.

Derlei Erfindungen und Entdeckungen ereignen sich überdurchschnittlich oft in der Chemie – vermutlich weil man hier dermaßen viel falsch machen kann. Auch gelang es in der Vergangenheit Chemikern oft nicht, „von der Molekülstruktur auf Eigenschaften zu schließen”, wie der Technikhistoriker Wolfgang König gegenüber brand eins bemerkte.

Teflon wurde zufällig entwickelt, Tesa-Film, die Antibaby-Pille, der Herzschrittmacher, die Mikrowelle, selbst Röntgenstrahlen wurden zufällig entdeckt. Alexander Fleming verursachte 1928 bei seiner Beschäftigung mit Staphylokokken einen keimtötenden Schimmelpilz; wenig später entwickelte er dann Penicillin. Charles Goodyear, der das gleichnamige Reifenimperium begründete, entdeckte 1840 zufällig das Vulkanisationsverfahren. Neopren entstand durch eine zufällige Verunreinigung, die ein Labortechniker in einem Reagenzglas herbeiführte. Nur eine Woche später unterlief demselben Labor ein weiterer Fehler in der Polymer-Forschung, der zur Herausbildung einer künstlichen, elastisch-klebrigen Faser führte, die die Welt wenig später als Nylon kennenlernen würde. Krebsforschern der Duke University gelang unlängst ein weiterer Zufallsfund, der demnächst eine umweltverträglichere Produktion von Nylon erlaubt. Auch mehrere Süßstoffe wurden aus Versehen erfunden, weil z.B. Constantin Fahlberg sich 1879 nicht die Hände wusch, nachdem er sich mit Steinkohleteer beschäftigt hatte. Abends schmeckte sein Dinner, das er berührt haben musste, merkwürdig süß...

Der vielleicht jüngste und bekannteste Fall von serendipity mag ein Mittel sein, das ursprünglich gegen Angina pectoris entwickelt wurde, bevor sich bei den oft älteren Probanden gewisse - nun ja, willkommene - Nebenwirkungen einstellten. 1998 brachte Pfizer Viagra dann auf den Markt. In Momenten wie diesen offenbaren sich Forschern Lösungen für Probleme, die sie gar nicht angegangen waren. Obwohl der Serien-Erfinder Thomas Edison befand, "I never did anything worth doing by accident, nor did any of my inventions come by accident", erfand er beispielsweise den Phonographen en passant, als es ihm darum gegangen war, telegraphische Nachrichten aufzuzeichnen.

Solutions looking for a problem

Die pragmatischen Amerikaner prägten für solche Situationen den Begriff „solutions looking for a problem." Technikhistoriker König mutmaßt, der Zufall sei auch deshalb ein so potenter Erfüllungsgehilfe des Erfinders, weil Neuheiten es heutzutage schwerer hätten, “sich am Markt durchzusetzen, weil es für vieles befriedigende Lösungen gibt. Das heißt: Auf der einen Seite haben wir immer mehr Systematik in der Technikentwicklung, aber auf der anderen Seite immer mehr Sättigung, die es systematischer Suche immer schwerer macht. Und da setzt dann oft das Improvisieren wieder ein".

Manche zufälligen Entdeckungen machen jede Systematik obsolet. Im Jahr 2000 wurde der Nobelpreis für Chemie an drei Männer vergeben, denen es durch eine Modifikation gelungen war, Kunststoff elektrische Leitfähigkeit zu verleihen. Dieser revolutionären Entdeckung war ein Malheur eines ausländischen Forschers vorangegangen, der während eines Experiments Instruktionen falsch übersetzt und daher eine Chemikalie in einer tausendfach so hohen Konzentration wie vorgesehen verwendet hatte. Wider Erwarten entstand dadurch kein Polyacetylen-Pulver, sondern ein glänzender, silberfarbener Film, der allerdings noch keinerlei metallene Eigenschaften aufwies. Die Fachwelt immerhin war elektrisiert, doch erst zehn Jahre später experimentierten die Nobelpreisträger mit dem seltsamen Kunststoff und verliehen ihm schließlich Leitungseigenschaften vergleichbar mit denen Kupfers. Kunststoffe isolierten nicht mehr notwendigerweise, es gab Anwendungsmöglichkeiten zuhauf. 

Alfred Nobel übrigens hatte das ihn reich machende Dynamit genauso zufällig entdeckt. Der französische Chemiker Louis Pasteur, ein Zeitgenosse Nobels, führte an, dass „im Bereich der Beobachtung der Zufall den vorbereiteten Verstand begünstigt. Technikhistoriker König sekundiert, denn „den Zufall und die sich daraus ergebenden Chancen zu erkennen, erfordert Wissen. Nur dem Klugen fallen die Dinge in den Schoß, nicht dem Dummen”.

Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Immer wieder werden Erfindungen gemacht, deren wirtschaftliches Potential von vermeintlich klugen Leuten grotesk verkannt wird. Den Short Message Service (SMS) zum Beispiel boten Mobilfunkanbieter (in Deutschland ab 1992) anfangs nebenher und kostenlos an. Weil die Kunden SMS liebten, fiel ihnen dann ein, dafür Geld zu verlangen. 2011 wurden allein hierzulande 55 Milliarden Kurznachrichten versandt.



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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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