von Tamo Zwinge

Gruenderszene in der Krise? Die fragwürdigen Methoden von Gruenderszene.de

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Gruenderszene in der Krise? Die fragwürdigen Methoden von Gruenderszene.de

Am 23. Mai ist ein Artikel auf dem Branchenportal Gruenderszene.de veröffentlicht worden, in dem vertrauliche Unternehmensinterna von Companisto detailliert offengelegt wurden. Es entsteht die Frage, wie dies sein kann. Schließlich wurden die Unternehmensinterna ausschließlich an Investoren von Companisto in einem vertraulichen Investorenbericht kommuniziert und Benutzer von Companisto haben eine Vertraulichkeitsvereinbarung mit Companisto abgeschlossen. Gruenderszene selbst macht keine Angaben dazu, woher die vertraulichen Informationen stammen, die eigentlich nur im geschlossenen Investorenbereich von Companisto abrufbar sind, sondern gibt lediglich an, dass „der Bericht Gruenderszene vorliegt“.

Doch hat tatsächlich ein „normaler“ Investor von Companisto die Informationen unter Bruch der Vertraulichkeitsvereinbarung an Gruenderszene weitergegeben? Recherchen lassen hieran Zweifel aufkommen. Es hat sich herausgestellt, dass mehr als ein halbes Dutzend Gruenderszene-Redakteure Benutzerkonten bei Companisto angelegt haben. Einer dieser Redakteure investierte einen kleineren Betrag in Companisto und hatte somit Zugriff auf den vertraulichen Investorenbericht, ein anderer hat den Artikel mit den vertraulichen Unternehmensinterna verfasst.

Ist das ein Zufall? Hieran kann man angesichts der Tatsache, dass es sich bei der Gruenderszene-Redaktion um ein kleines Team handelt, kaum glauben. Es erscheint dagegen möglich, dass die Gruenderszene-Redakteure von Anfang an darauf abzielten, Informationen zu erhalten und diese untereinander für Veröffentlichungen auszutauschen. So kann vermutet werden, dass ein Redakteur die Information erlangt, ein anderer dann einen Artikel schreibt. Natürlich haben sich alle Gruenderszene-Redakteure, die ein Benutzerkonto bei Companisto anlegten, vertraglich verpflichtet keine vertraulichen Informationen weiterzugeben, zu veröffentlichen oder zu verbreiten (Ziffer 3.1. der Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Companisto). Diese Regelung gilt selbstverständlich auch für Journalisten. Es gibt in Deutschland keinen rechtlichen „Freibrief“ für Journalisten gegen vertragliche Regelungen zu verstoßen. Auch der Autor des Artikels hat diese vertragliche Vereinbarung mit uns getroffen. Jedoch scheint die Rechtswidrigkeit der Verbreitung den Autor des Artikels nicht zu kümmern.


Gruenderszene und der Sensationsjournalismus

Doch die rechtswidrige Verbreitung war offenbar nicht genug. Möglicherweise waren die Informationen, an die Gruenderszene gelangt ist, dafür nicht „sensationell“ genug. Erst kurz vor Veröffentlichung des Artikels, am Freitag, stellte uns Gruenderszene per E-Mail einen Katalog mit einer hohen Anzahl an Fragen mit einer sehr kurzen Fristsetzung für die Beantwortung bis Montagfrüh, 9 Uhr.

Bereits der Fragenkatalog ließ vermuten, dass kein Interesse an einer ausgewogenen Berichterstattung bestand, sondern eine „Sensationsgeschichte“ konstruiert werden sollte. Wir haben Gruenderszene daraufhin schriftlich mitgeteilt, dass es sich um rechtswidrig erlangte vertrauliche Informationen handelt und diese nach den bestehenden vertraglichen Regelungen nicht verbreitet oder veröffentlicht werden dürfen. Zudem haben wir auf einer ausgewogene Berichterstattung bestanden. Gruenderszene antwortete nicht auf unser Schreiben. Dies verwundert, da sie selbst ja erwarten, dass ihnen innerhalb kürzester Zeit geantwortet wird.

In dem Artikel wurde dann davon berichtet, dass „Companisto Probleme bekommen habe“ und sich die „Kleinanleger abwenden würden“. Als einzige Quelle für die Darstellungen im den Artikel wird der vertrauliche Investorenbericht genannt. Dass in dem Investorenbericht ebenfalls darauf hingewiesen wird, dass in den ersten zehn Tagen im Mai bereits mehr Investments getätigt wurden als in den drei vorangegangen Monaten zusammen, wird von Gruenderszene mit keinem Wort erwähnt. Dies hätte wahrscheinlich nicht ins Bild gepasst - bezeugt ein Rekordinvestmentvolumen doch genau das Gegenteil von einer „Abwendung der Kleinanleger“.


Wie Gruenderszene die Fakten selektiert - und welche Auswirkungen das auf Gründer hat 

Gruenderszene hat also bei objektiver Betrachtung bewusst diejenigen Informationen aus dem Investorenbericht herausgefiltert, die in ihre einseitige tendenziöse Geschichte passen. Die Informationen, die in die andere Richtung deuten, wurden weggelassen. Dadurch wird ein verzerrtes Bild geschaffen, von einem Unternehmen, welches sich angeblich in Schwierigkeiten befindet. Über die Motivation kann nur spekuliert werden.

Interessant ist auch, dass Gruenderszene über den Investorenbericht der vorherigen neun Quartale, von denen alle bis auf eines Rekord-Quartale waren, keinen Bericht verfasste – obwohl diese Investorenberichte Gruenderszene ebenfalls vorgelegen haben dürften. Eine Geschichte über eine Rekordentwicklung scheint bei Gruenderszene jedoch nicht in den Redaktionsplan zu passen.

Der ganze Vorgang wirft auch Fragen über die Rolle von Gruenderszene insgesamt auf. Wofür steht Gruenderszene? Was ist die Rolle von Gruenderszene? Gestartet als Medium, welches als Branchendienst und Förderer der Startup-Branche bekannt war, hat sich das Portal zu einem Sensationsmedium entwickelt. Seit längerer Zeit dominieren vor allem Negativmeldungen zu Startups die Berichterstattung von Gruenderszene. Ob bei diesen anderen Negativmeldungen eine ausgewogene Berichterstattung stattfand, darf nach den Erfahrungen jedoch zumindest angezweifelt werden.


Die "echte" Gründerszene ist nicht begeistert

Die gesamte Entwicklung ist wahrscheinlich ein Grund dafür, warum wir nach Veröffentlichung des Gruenderszene-Artikels von zahlreichen Gründern Solidaritätsbekundungen erhielten. Diese Sensationshascherei schadet der gesamten Startup-Branche. Viele Gründer fühlen sich von Gruenderszene nicht fair behandelt und ihre Unternehmensentwicklung bewusst in einem falschen Licht dargestellt. Gruenderszene schadet jedoch auch den Crowdinvestoren, denn eine solche Berichterstattung führt dazu, dass Startups nicht mehr so frei mit ihren Investoren kommunizieren können.

Es ist bekannt, dass Print- und Online-Medien sehr stark mit der immer schwierigeren Monetarisierung zu kämpfen haben. Auch die bisher veröffentlichten Jahresabschlüsse von Gruenderszene weisen aufgelaufene Millionenverluste aus und das Alexa Traffic Ranking von Gruenderszene (einem Gradmesser für Webseitenbesucherzahlen) bewegt sich seit einigen Monaten auch nur noch seitwärts. Dennoch können diese Schwierigkeiten und der Kampf um Klickzahlen nicht auf Kosten der Startups und der Investoren ausgetragen werden. Genau für diese Zielgruppen ist Gruenderszene doch eigentlich gemacht. 

Oder nicht?



 

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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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