von André Jasch

„Gründer wollen heute Spuren im Sand hinterlassen“

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„Gründer wollen heute Spuren im Sand hinterlassen“

Ralph Suikat ist digitaler Pionier. Der Karlsruher Unternehmer gründete sein erstes Softwareunternehmen schon, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte. Heute nutzt er seine Erfahrungen und sein Netzwerk und unterstützt junge Unternehmer mit Kapital und Know-how. Als Companist spielt für ihn neben der finanziellen Rendite auch der gesellschaftliche Nutzen des Unternehmens eine wichtige Rolle. Mit Companisto sprach er über Unternehmertum, Herausforderungen für Gründer und soziale Verantwortung.


André Jasch: Herr Suikat, sie haben 1993, also lange bevor Digitalisierung ein bestimmendes gesellschaftliches Thema war, eine IT-Firma gegründet, die Software-Lösungen für Anwälte entwickelt. Wie wurden Sie zum Gründer?

Ralph Suikat: Ich war schon während der Schulzeit etwas „unruhig“ und hatte mir mit diversen Tätigkeiten mein Taschengeld aufgebessert. Etwas gestalten und bewirken zu können war schon damals eine Triebfeder für mich. Außerdem – ich gebe es zu – war mein damaliger Traum, einmal 10.000 DM im Monat zu verdienen, ein sehr reizvoller Gedanke für mich.

Als ich 1992 meinen langjährigen Geschäftspartner kennengelernt habe, haben wir schnell festgestellt, dass uns mehr als nur Tatendrang verbindet. Wir haben uns auf Anhieb hervorragend verstanden und recht spontan den Entschluss gefasst, „etwas“ gemeinsam zu machen. Daraus entstanden ist die heutige STP Informationstechnologie AG. Am Anfang haben wir eine Vielzahl von Themen bearbeitet. Nach einem Orientierungsjahr haben wir für uns festgestellt, dass eine Fokussierung Sinn macht, wenn wir auch wirtschaftlich erfolgreicher sein wollen. Seit 1994 haben wir uns zunächst auf die Unterstützung von Insolvenzverwaltern, später dann auf Softwarelösungen für Wirtschaftskanzleien insgesamt konzentriert.


André Jasch: Was waren die größten Herausforderungen, die Sie auf Ihrem Weg als Unternehmer zu meistern hatten?

Ralph Suikat: Die größte Herausforderung, nämlich die anfangs komplett fehlenden Fachkenntnisse, hat sich im Nachhinein als eine große Chance für das Unternehmen erwiesen. Da mein Partner und ich nur rudimentäre Kenntnisse von der Juristerei, aber auch von Softwareentwicklung hatten, waren wir darauf angewiesen, die richtigen Menschen zu finden, die mit uns den Weg zur Marktführerschaft im Insolvenzmarkt gehen wollten. Mit diesen an Bord konnten wir uns dann völlig der strategischen Entwicklung des Unternehmens mit einem sehr kundenorientierten Ansatz widmen. Inzwischen nutzen drei Viertel aller Insolvenzverwalter in Deutschland unsere Software-Lösungen.

Eine weitere Herausforderung bestand darin, dass wir mit der Gründung entschieden hatten, kein Fremdkapital aufzunehmen. Da wir über das Stammkapital der GmbH hinaus kein Eigenkapital einbringen konnten, haben wir die erwirtschafteten Erträge fast ausschließlich in die weitere Entwicklung des Unternehmens gesteckt. Das hat zwar im privaten Bereich zu einem sehr minimalistischen Lebensstil geführt und das Unternehmen zunächst verhältnismäßig langsam wachsen lassen. Auf der anderen Seite konnten wir aber dank des Bootstrappings jederzeit gut schlafen und waren niemandem Rechenschaft schuldig.


André Jasch: Heute unterstützen Sie junge Unternehmer finanziell, unter anderem über Companisto. Warum?

Ralph Suikat: Auslöser war die schwere Erkrankung meiner Frau. Ich hatte mich deswegen zunächst aus der operativen Tätigkeit meiner Firma zurückgezogen und in weiterer Konsequenz vor ziemlich genau einem Jahr in Abstimmung mit meinem Partner meine Unternehmensanteile verkauft. Mein Terminkalender ist auf Grund der Situation meiner Frau auch heute noch sehr dynamisch. Bei der Frage, wie ich dennoch meine Ressourcen wie Kapital, Netzwerk, unternehmerischen Kenntnisse aber auch Lebenserfahrung sinnvoll zum Einsatz bringen kann, lag es nahe, sich mit dem Startup-Umfeld zu beschäftigen. Es bereitet mir sehr große Freude, mit den häufig jungen Gründern zusammenzuarbeiten, Strategien zu entwickeln, Businesspläne zu hinterfragen oder Kontakte herzustellen.

Crowdinvesting-Plattformen wie Companisto finde ich sowohl für kapitalsuchende Unternehmen, als auch für Investoren eine schöne Sache. Tatsächlich habe ich über ein Investment bei Companisto die Macher von Kumpan kennengelernt, einem Unternehmen, das Elektroroller herstellt. Nach einigen Telefonaten und weiteren Prüfungen habe ich mich dann dazu entschieden, mich auch direkt an Kumpan zu beteiligen.


André Jasch: Welche Branchen der Startup-Szene interessieren Sie am meisten? Wo sehen Sie das größte Zukunftspotenzial?

Ralph Suikat: Ich habe da sicher eine etwas andere Perspektive als viele andere Investoren. Bei mir ist es tatsächlich so, dass mir die gesellschaftliche Rendite eines Unternehmens mindestens ebenso wichtig ist, wie die wirtschaftliche. Interessant für mich sind Firmen, die mit ihrem Wirken einen Anspruch haben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Dies kann auf unterschiedlichen Wegen und in unterschiedlichen Branchen erfolgen. Tatsächlich bin ich aktuell auch recht breit engagiert. Neben der Elektromobilität (Kumpan) interessieren mich zum Beispiel auch pflanzenbasierte Ernährung (Veganz) sowie pädagogische Musiklern-Apps (classplash in Portugal/Deutschland). Außerhalb der Perspektive eines „normalen“ Investors liegt auch das Engagement bei CRCLR. Hier bündeln sich eine Vielzahl von Projekten und Aktionen um einen CoWorking-Space rund um das Thema einer nachhaltigen, zirkulären Wirtschaft.

Zukunftspotential sehe ich für faire Unternehmen. Unternehmen, die den Kunden und der Gesellschaft einen Mehrwert bieten und dabei auch die Privatsphäre ihrer Kunden respektieren. Mittlerweile ist allen klar, dass wir auf einem endlichen Planeten leben, auf welchem es kein unendliches Wachstum geben kann. Geschäftsmodelle, die darauf abzielen, immer mehr Produkte mit immer kürzeren Produktlebenszyklen zu generieren, werden langfristig nicht überleben. Ich bin davon überzeugt, dass auch Investoren zunehmend die Unternehmen suchen werden, die mit ihrem Wirken Teil der Lösung sind. Und nicht diejenigen, die die vorhandenen Probleme im Sachen Ressourcenverbrauch, Klimawandel und Umweltzerstörung noch weiter verstärken. Ich glaube, wir müssen insgesamt umdenken. Zukunftspotential hat das, was uns hilft, die Zukunft auf unserem Planeten zu gestalten. Ein Maximum an Ertrag ist wirtschaftlich interessant, aber nicht zwingend ein Wertbeitrag für unser aller Zukunft.


André Jasch: Das Thema „Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung“ spielen eine wichtige Rolle für Sie. Können Sie erklären, warum es kein Widerspruch ist, erfolgreicher Unternehmer zu sein und sich zugleich für Fairness und soziale Verantwortung zu engagieren?

Ralph Suikat: Im Moment ist es tatsächlich so, dass man den Eindruck gewinnen muss, dass der Ehrliche der Dumme ist. Nach dem Bankenskandal lernen wir gerade, dass auch die Vorzeigeindustrie Deutschlands, die Automobilindustrie, ihrer sozialen Verantwortung nicht wirklich gerecht wird. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Lug und Betrug an Kunden und Umwelt scheinen in den Vorstandsetagen der Automobilkonzerne eingezogen zu sein. In meinem privaten Bekanntenkreis, aber vor allem auch bei anderen Unternehmern, erlebe ich eine immer größere Fassungslosigkeit. Immer weniger Menschen möchten bei Unternehmen kaufen, bei welchen das eigene Wohl und die Dividende der Aktionäre weit vor den Interessen der Kunden und anderen Stakeholdern stehen. Wer will denn ein Auto von einem Konzern kaufen, welcher seiner Kunden betrügt?

Durch die falschen Anreizsysteme laufen wir Gefahr, diese für uns relevante Schlüsselindustrie in die Irrelevanz zu befördern. Am langen Ende wird es so sein, dass nur noch solche Unternehmen eine gesellschaftlich legitimierte „licence to operate“ haben werden, die mit ihrem Wirken auch einen Mehrwert für die Gesellschaft haben und einen Zukunftsbeitrag leisten. Ich denke, wir stehen hier ganz am Anfang einer dynamischen Entwicklung. Werte verschieben sich, sowohl bei den Konsumenten als auch bei den Gründern. Gründungen aus dem Aspekt einer maximalen Profitorientierung werden seltener. Viele Gründer möchten tatsächlich etwas bewegen und Spuren im Sand hinterlassen. Nicht in Form von Schuhen oder Wegwerfmode, sondern durch Produkte und Dienstleistungen, die für die Gesellschaft einen Mehrwert bringen.


André Jasch: Welchen Rat haben Sie abschließend noch an junge Gründer?

Ralph Suikat: Mein Rat geht an alle diejenigen, die eine Idee haben und sich mit dem Gedanken tragen, ein Unternehmen zu gründen: Macht es! Trau Euch, Verantwortung zu übernehmen und gestaltet als Unternehmer unsere Welt maßgeblich mit. Heutzutage muss niemand komplett ins Blaue hinein gründen. Es gibt an immer mehr Hochschulangebote für Gründer und immer mehr Städte haben Gründerzentren als Anlaufstelle. Auch die immer zahlreicheren, auf Social Impact fokussierten Zentren, wie zum Beispiel der wizemann.space in Stuttgart, sind sehr gute Anlaufpunkte, um Eure Idee einmal unverbindlich zu reflektieren.

Und zu allerletzt noch ein Gedankenexperiment: Stellt Dir vor, Du bist mit Deinem Startup erfolgreich. Mehr als 1.000 Mitarbeiter arbeiten daran, Deine bzw. Eure Mission zu erfüllen und so viele Kunden wie irgendwie möglich glücklich zu machen. Bist Du stolz, wenn Du Deinen Enkeln erzählen kannst, für was diese 1.000 Mitarbeiter zusammen mit Dir brennen?


Zur Person:

Ralph Suikat gründete 1993 mit einem Partner in Karlsruhe die IT-Firma STP Informationstechnologie AG. Das Unternehmen mit rund 150 Beschäftigten und 25 Millionen Euro Jahresumsatz hat sich auf Softwarelösungen für Juristen spezialisiert und ist in Deutschland Marktführer im Bereich Software für Insolvenzverwalter und Insolvenzgerichte. Wegen der Erkrankung seiner Ehefrau verkaufte Ralph Suikat vor kurzem seinen Firmenanteil. Er engagiert sich zunehmend gesellschaftlich, sowohl ehrenamtlich als auch über den Bereich Impact Investing. Unter anderem gründete er die Initiative „Fairantwortung“, die sich für faires und ökologisches Wirtschaften einsetzt, und unterstützt die „Bewegungsstiftung“. Darüber hinaus widmet er sich im Digital Business Institute (NextDBI) den Herausforderungen der Digitalisierung für Unternehmen und berät Startups über die 4L Vision GmbH in grundsätzlichen und strategischen Fragen. Er ist seit Mitte 2016 als Investor auf Companisto aktiv.


 

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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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