In MedTech- und Biotech-Startups investieren: Worauf Profis achten

Masterclass

Welche Kriterien wichtig sind, wofür Käufer zahlen und warum Anleger einen langen Atem brauchen

24 Minuten Lesezeit

Wer in ein MedTech- oder Biotech-Startup investiert, setzt auf große Märkte und auf Konzerne, die für neue Technologien viel Geld bezahlen. Bis sich ein solches Investment auszahlt, wenn überhaupt, können allerdings rund zehn Jahre vergehen. In einer Companisto-Masterclass im Mai 2026 erklärten zwei Investmentdirektoren, ein Gründer und ein Business Angel, worauf es bei Gesundheits-Startups ankommt und woran diese am häufigsten scheitern.

Den Finger auf den Sensor legen, ein paar Sekunden warten, dann soll das Gerät den Blutzuckerwert anzeigen. Ein Stich in die Fingerkuppe wäre nicht mehr nötig. An dieser Technik arbeitet das Berliner Startup DiaMonTech seit 2015. Als es 2025 auf Companisto eine Finanzierungsrunde startete, rechnete Mitgründer und CEO Thorsten Lubinski mit zwei bis drei Millionen Euro. Am Ende kamen acht Millionen zusammen.

Leicht ist die Kapitalsuche in der Medizintechnik trotzdem nicht. Spreche er mit institutionellen Investoren, liege seine Erfolgsquote bei vielleicht zwei bis drei Prozent, sagte Lubinski im Mai 2026 in der Companisto-Masterclass „Biotech und MedTech: Die nächste Evolutionsstufe“. Aus 100 Gesprächen würden am Ende zwei Zusagen. „Medizin ist kompliziert, Hardware ist kompliziert, alles dauert lange.“

Für Companisto-Anleger ist die Branche kein Randthema: Auf der Plattform ist der Anteil der Finanzierungsrunden aus dem Gesundheitsbereich in den vergangenen Jahren gestiegen, wie COO Sarah Buge zu Beginn der Masterclass sagte. Die Investmentdirektoren Nicky Hughes und Andreas Fakler erläuterten, woran sie junge Medizintechnik- und Biotech-Unternehmen messen und warum sie die Branche trotz der langen Wege für attraktiv halten. Anschließend diskutierten sie mit Lubinski und dem Business Angel Ralph Lägel über Finanzierung, Teams und künstliche Intelligenz.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Companisto-Investmentdirektoren prüfen MedTech-Startups vor allem auf vier Punkte: Skalierbarkeit, einen messbaren medizinischen Nutzen, einen klaren Weg durch Zertifizierung und Erstattung sowie ein Team, das wissenschaftliche Expertise mit regulatorischer und klinischer Erfahrung verbindet. Wie weit ein Startup in diesen Punkten schon ist, bestimmt sein Risikoprofil.
  • Entscheidend ist, wer für ein Produkt bezahlt. In Deutschland hängt der Marktzugang meist an der Erstattung durch die Krankenkassen.
  • Für die Branche sprechen aus Sicht der Investmentdirektoren ein transparenter Wettbewerb, vergleichsweise gut bezifferbare Märkte und finanzstarke Konzerne, die Startups kaufen oder sich an ihnen beteiligen.
  • Dagegen stehen lange Entwicklungszeiten: Bis zu einem möglichen Exit kann es in der Medizintechnik rund zehn Jahre dauern. Scheitern Startups, geht ihnen nach Lubinskis Erfahrung am Ende das Geld aus, oft nach technischen Problemen. Ein Totalverlust ist möglich, und vor einem Exit lassen sich Beteiligungen meist nur schwer verkaufen.

Warum der Gesundheitsmarkt in Bewegung ist

Gesundheit sei kein Hype, sagte Lubinski. „Gesundheit ist immer da.“ Neu seien die Werkzeuge: künstliche Intelligenz und Wearables, die Werte erfassen, die sich früher nicht messen ließen. Wer einmal angefangen habe, sich so mit der eigenen Gesundheit zu beschäftigen, wolle auch Antworten.

Deutschland gebe jedes Jahr rund 540 Milliarden Euro für Gesundheit aus, rechnete Lägel vor. Das Statistische Bundesamt beziffert die Gesundheitsausgaben für 2024 auf 538,2 Milliarden Euro, das sind 12,4 Prozent der Wirtschaftsleistung. Für 2025 schätzt das Amt die Ausgaben auf 579,5 Milliarden Euro.

Als Treiber nannte Fakler zuerst die künstliche Intelligenz. Die Medizintechnik sei eines ihrer sinnvollsten Einsatzfelder. Hinzu kämen die zunehmend vernetzten Geräte und der demografische Wandel: Die Bevölkerung werde älter, während die Krankenhäuser immer weniger Ressourcen hätten. Die Innovation müsse deshalb aus Startups kommen, oder die Kliniken müssten selbst innovativer werden. Zudem sei heute deutlich mehr Wagniskapital verfügbar als vor zehn oder zwanzig Jahren.

Hughes hatte wenige Wochen vor der Masterclass die DMEA besucht, eine Berliner Fachmesse für digitale Gesundheit. Das übergeordnete Thema dort sei der Mangel an Ärzten und Fachkräften gewesen. Bei fast allen Produkten, die er gesehen habe, sei es darum gegangen, Ärzten Bürokratie und Dokumentationsaufwand abzunehmen, damit sie ihr Fachwissen besser einsetzen könnten.

Was ein MedTech-Startup investierbar macht

Ob ein MedTech-Startup für eine Beteiligung infrage kommt, machte Hughes an vier Kriterien fest:

  • Skalierbarkeit: Dabei gehe es um mehr als die Technik. Auch die klinischen Nachweise, die Herstellung, die Einführung in den Versorgungsalltag und der Vertrieb müssten sich wiederholen lassen. Die entscheidende Frage laute: Fällt es dem Unternehmen nach dem ersten Produkt leichter, das zweite zu bauen?
  • Medizinischer Nutzen: Er müsse messbar, klinisch relevant und für Patienten wie für Kostenträger überzeugend sein. Ein neues Produkt solle also Behandlungsergebnisse verbessern und Kosten senken oder knappe Kapazitäten schonen.
  • Zertifizierung und Erstattung: Wer im Gesundheitssystem wachsen wolle, brauche einen klaren Weg in die Erstattung, von der Zertifizierung als Medizinprodukt bis zur Kostenübernahme durch die Krankenkassen. Die CE-Kennzeichnung, mit der ein Medizinprodukt in der EU in Verkehr gebracht werden darf, sei ebenso wie die Marktfreigabe durch die US-Behörde FDA ein Schritt dorthin, aber noch kein Beleg dafür, dass das Produkt am Markt ankommt (Product-Market-Fit). Diesen Beleg erbringe ein Startup erst, wenn Ärzte das Produkt einsetzen, Patienten es nutzen und sich damit Kosten sparen lassen.
  • Team: Gefragt seien neben wissenschaftlicher Expertise vor allem regulatorische Erfahrung, Nähe zur klinischen Praxis und ein Verständnis dafür, wie die Erstattung funktioniert. Denn der Gesundheitsmarkt mit seinen vielen Akteuren und seiner strengen Regulierung sei extrem komplex.

Wichtig sei außerdem, wie bei jedem Startup, die kommerzielle Umsetzung. Wie gut ein Unternehmen diese Kriterien erfülle, bestimme sein Risikoprofil, sagte Hughes. Gerade in der Frühphase sei selten alles gleich weit entwickelt. Schlecht sein müsse das nicht. Bewertet werde, wie viel ein Startup in jedem Punkt schon erreicht habe.

Wer zahlt, wer kauft, wer nutzt?

Auch der Vertrieb ist im Gesundheitswesen komplizierter als in anderen Branchen. Weil Deutschland kein Selbstzahlermarkt sei, komme die Erstattung durch die Krankenkassen hier dem Marktzugang gleich, sagte Hughes. Ein Startup müsse deshalb genau wissen, wer für sein Produkt bezahlt, wer es kauft oder über den Kauf entscheidet und wer es am Ende anwendet. Erst auf dieser Grundlage lasse sich eine Vertriebsstrategie aufbauen.

Lägel sagte, vor jedem Investment stelle er sich inzwischen zuerst eine Frage: Gibt es eine Zahlungsbereitschaft und eine Zahlungsfähigkeit? Es müsse einen ernsthaften Bedarf geben und jemanden, der bereit sei, dafür schon bald genügend Geld auszugeben. „Wenn ich das nicht habe, kann ich das komplett vergessen.“ Daran ändere auch ein großartiges Team nichts. An zweiter Stelle stehe für ihn die Skalierbarkeit: ob eine Lösung nur in einem überschaubaren Markt funktioniere oder ob sie auch in anderen Ländern reißenden Absatz finde. Vom deutschen Markt allein könne ein Unternehmen zwar leben. Spätestens wenn Wagniskapitalgeber einsteigen sollen, zähle aber der Blick auf Europa und die Welt.

Der lange Weg durch Studien und Zertifizierung

Um einzuschätzen, wie weit ein Startup ist, schauen die Investmentdirektoren vor allem auf die Studienlage und die Patente. Die Wege von Medikamenten und Medizinprodukten in den Markt unterscheiden sich dabei deutlich:

Medikamente (Biotech) Medizinprodukte (MedTech)
Klinische Studien drei Phasen: Sicherheit und Dosierung, erste Hinweise auf die Wirksamkeit in einer kleinen Patientengruppe, Bestätigung der Wirksamkeit in einer größeren Gruppe meist eine Machbarkeitsstudie und eine erste klinische Studie
Marktzugang in der EU Zulassung als Arzneimittel, bei Biotech-Präparaten zentral über die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), meist nach einer erfolgreichen Phase III CE-Kennzeichnung nach einer Konformitätsbewertung, ab Risikoklasse IIa unter Beteiligung einer Benannten Stelle; als klinischer Nachweis reicht bei Produkten ohne hohes Risiko oft schon die erste klinische Studie
Marktzugang in den USA Zulassung durch die FDA Marktfreigabe durch die FDA, je nach Risikoklasse als Clearance oder Zulassung; oft erst nach einer zweiten, größeren Studie

Laut Hughes gehen viele MedTech-Startups deshalb zuerst auf den europäischen Markt und sammeln dort Daten aus dem Versorgungsalltag, sogenannte Real-World-Daten, bevor sie die Marktfreigabe in den USA beantragen. Seit 2021 die strengere EU-Medizinprodukteverordnung (MDR) gilt, bringen allerdings immer mehr Hersteller neue Produkte zuerst in den USA auf den Markt, wie Branchenumfragen zeigen.

Bei Risiken denke man meist an klinische Studien, sagte Fakler: an ein Medikament, das in der dritten Phase die erhoffte Wirksamkeit verfehlt, sodass alles in sich zusammenfällt. In der Medizintechnik komme das nach seiner Erfahrung seltener vor. Ein Wundscanner etwa müsse seine Wirksamkeit nicht über Jahre gegen ein Placebo oder in Doppelblindstudien beweisen und auch nicht lange auf Nebenwirkungen warten. Er müsse zeigen, dass er die Wunde richtig vermesse, das Gewebe analysiere und womöglich auch die bakterielle Belastung erfasse. Solche Zielgrößen, in der Fachsprache Endpunkte genannt, werden vor einer Studie festgelegt. In manchen Bereichen der Medizintechnik ließen sie sich in relativ kurzer Zeit erreichen, und ob das gelinge, lasse sich vorab vergleichsweise gut einschätzen.

Das regulatorische Risiko hielt Lubinski für überschätzt. Unterschätzt werde allerdings der Aufwand: Es dauere meist etwas länger und koste etwas mehr als gedacht. Ein Startup, das an der Regulatorik gescheitert sei, falle ihm aber spontan nicht ein. „Regulatorik ist etwas, was jeden nervt, was aber alle gelöst kriegen.“ Für Anleger bleibt der Mehraufwand trotzdem ein Risiko, denn jede Verzögerung verlängert die Zeit, die ein Startup finanzieren muss.

Burggraben: Wie gut regulatorische Hürden vor Konkurrenz schützen

Die erste Frage an ein Startup gilt meist seinem Burggraben, also dem Schutz vor Konkurrenz. Bei KI-Software lasse sich ein solcher Schutz derzeit kaum ausmachen, sagte Fakler. Gefühlt jeden Morgen tauche ein neues Startup auf, das etwas Ähnliches mache wie das letzte. In der Medizintechnik sei der Wettbewerb dagegen relativ transparent.

Als Beispiel nannte er cureVision, das bereits zwei Finanzierungsrunden über Companisto abgeschlossen hat. Das Startup hat einen Scanner entwickelt, der Wunden vermisst. Die Idee sei von einer Klinik gekommen, die für ein Problem eine Lösung gesucht und keine gefunden habe. Für Fakler war das eine Art Vorvalidierung: Wenn sich eine Klinik die Mühe mache, nach einer Lösung zu suchen, und keine finde, gebe es offenbar Bedarf und wenig Wettbewerb. In der Folge habe sich cureVision schnell entwickelt, berichtete er. Der Scanner trägt die CE-Kennzeichnung nach der MDR, und nach der zweiten Companisto-Runde kam ein amerikanischer Investor hinzu.

Unter einem Burggraben verstand Fakler deshalb mehr als Patente, die ein junges Unternehmen im Zweifel gar nicht durchsetzen könne, weil ihm das Geld für Anwälte und Gerichtsverfahren fehle. Entscheidend sei, ob es überhaupt Wettbewerb gebe. DiaMonTech habe zwar durchaus Konkurrenz. Lubinski habe aber in der Due Diligence eine sehr umfangreiche Liste aller Wettbewerber vorgelegt, und man habe den Eindruck gehabt, dass das Team genau wisse, wer sich am Markt bewege. Die Gefahr, über Nacht überholt zu werden, sei gering, weil jeder neue Anbieter erst das Zertifizierungsverfahren und womöglich klinische Studien durchlaufen müsse. Vor etablierten Herstellern, deren Produkte bereits auf dem Markt sind, schützt diese Hürde allerdings nicht. Wie hoch sie ist, hängt zudem von der Risikoklasse des Produkts ab.

Große Märkte, schwieriger Zugang

Diabetiker und Menschen mit schlecht heilenden Wunden gibt es weltweit. Weil Patientenzahlen und Gesundheitsausgaben in Europa und den USA gut dokumentiert sind, lässt sich die Größe solcher Märkte nach Faklers Erfahrung leichter beziffern als in anderen Branchen. Als Wachstumstreiber sah er vor allem Diagnostik und Fernüberwachung, Herz-Kreislauf-Medizin sowie die aus den USA kommenden Wearables.

Auf Deutschland entfällt rund ein Viertel des europäischen MedTech-Marktes. Startups hätten ihren ersten Markt also direkt vor der Haustür, bevor sie den Sprung ins europäische Ausland und in die USA wagten, sagte Fakler. Die Zertifizierung allein bedeute allerdings noch nicht, dass ein Startup in diesen Märkten auch Fuß fasse. Ein Produkt in die Kliniken zu bringen, an deren Systeme anzubinden und dauerhaft Marktanteile zu halten, sei „echte Arbeit“.

Wer Gesundheits-Startups kauft und finanziert

Den Markt prägen große Konzerne mit viel Kapital und hohem Cashflow. Fakler sah darin eine Chance. Auf einer Health-Tech-Veranstaltung in Basel habe er erlebt, wie etwa Novartis und Roche nach den neuesten Innovationen suchten. Sie wollten sich so einen Teil der frühen Forschung sparen. Allein der Wagniskapitalfonds von Roche sei größer als die meisten europäischen VC-Fonds. Nach Angaben von Roche umfasst er 750 Millionen Schweizer Franken und ist als Evergreen-Fonds ohne feste Laufzeit angelegt.

Wofür Käufer zahlen

Als Beispiele aus dem Markt hatten Hughes und Fakler drei Exits deutscher Unternehmen herausgegriffen, zwei aus Biotech und MedTech, einen aus der digitalen Gesundheit. Hughes leitete daraus drei Erkenntnisse ab:

  • Plattformtechnologien: Hohe Preise erzielten Technologien, die sich vielfach einsetzen ließen. Das gelte etwa für das Münchner Biotech-Unternehmen Tubulis, dessen Technologieplattform für Antikörper-Wirkstoff-Konjugate sich wahrscheinlich auf Dutzende Indikationen ausweiten lasse. Der US-Konzern Gilead übernahm Tubulis im Frühjahr 2026 für 3,15 Milliarden US-Dollar. Dazu kommen erfolgsabhängige Zahlungen von bis zu 1,85 Milliarden US-Dollar.
  • Strategische Lücken: Käufer suchten, was sie selbst nicht schnell genug entwickeln könnten und was ihr Portfolio stärke.
  • Klinische Daten: Allen drei Unternehmen gemeinsam sei eine klinisch validierte Datenlage gewesen, etwa zu Behandlungsergebnissen. Käufer würden „für Gewissheit zahlen und nicht für lose Versprechen“, sagte Hughes.

In der Biotechnologie sind nach Hughes’ Einschätzung auslaufende Patente der großen Pharmakonzerne der wichtigste Treiber für Übernahmen. Er berief sich auf Berichte, nach denen ihnen bis 2030 dadurch Umsätze von rund 200 Milliarden US-Dollar wegzubrechen drohen. Manche Schätzungen liegen noch höher. Weil die Entwicklung eines Medikaments zehn bis 15 Jahre dauere, sei es für die Konzerne günstiger und schneller, Startups zu kaufen.

Business Angels und Fonds an einem Tisch

Ob viele Privatanleger eine Finanzierungsrunde für institutionelle Geldgeber unattraktiv machen, werde in der Branche immer wieder gefragt, sagte Fakler. Im MedTech-Bereich habe er diese Erfahrung bisher nicht gemacht. Bei cureVision hätten in beiden Companisto-Runden Business Angels mitinvestiert, und weder für institutionelle Geldgeber noch für den amerikanischen Investor sei das ein Hindernis gewesen. Fakler erwähnte weitere institutionelle Mitinvestoren wie den High-Tech Gründerfonds (HTGF) und Samsung, das bei DiaMonTech eingestiegen ist. Beim Biotech-Startup PerioTrap kamen zwei Finanzierungsrunden über Companisto gemeinsam mit bmp Ventures zustande.

Bei MedTech-Runden auf Companisto seien sehr häufig auch institutionelle Investoren beteiligt, sagte Hughes. Lubinski sprach von einem Wechselspiel: Die Crowd investiere gern zusammen mit einem großen institutionellen Investor. Umgekehrt sehe ein solcher Geldgeber gern, dass ein Thema so marktgängig sei, dass es Tausende Companisto-Anleger überzeuge.

Weil viele Wagniskapitalgeber im MedTech-Bereich aktiv seien, sah Fakler auch für Anschlussfinanzierungen gute Voraussetzungen. Eine Garantie für eine weitere Finanzierungsrunde gibt es allerdings nie, erst recht nicht, wenn ein Startup seine Meilensteine verfehlt.

Woran Gesundheits-Startups scheitern

„Risikokapitalgeber mögen zwei Sachen nicht: Risiko und Kapital geben“, scherzte Lubinski. Wenn Startups scheiterten, dann am Ende an der Finanzierung: „Das Geld ist alle.“ Meist sei vorher bei der Technik etwas schiefgelaufen. Mit jeder Finanzierungsrunde versuche ein Startup, den nächsten Meilenstein zu erreichen. Häufig gelinge das, manchmal dauere es länger, und das Geld reiche gerade noch. Und manchmal klappe es nicht. Dann müsse der Gründer erklären, warum er den Meilenstein verfehlt habe und warum sich ein weiteres Investment trotzdem lohne.

Erschwerend kommt die Zeit hinzu. Manche Fonds müssten ihren Investoren schon nach fünf oder sieben Jahren Rendite liefern, sagte Lubinski. In der Medizintechnik dauere es eher zehn Jahre. Im Erfolgsfall falle der Ertrag zwar größer aus, er komme aber später. Wagniskapitalgeber bräuchten deshalb Fonds mit entsprechend langer Laufzeit.

Für Privatanleger gilt das genauso: Ihr Geld ist womöglich ein Jahrzehnt gebunden, und vor einem Exit lässt sich eine Beteiligung meist nur schwer verkaufen. Zudem sinkt die Beteiligungsquote der bisherigen Investoren in der Regel mit jeder weiteren Finanzierungsrunde, sofern sie nicht nachinvestieren.

Gegen böse Überraschungen setzte Lubinski auf Offenheit. So wie DiaMonTech bei Companisto Quartalsberichte vorlege, informiere er auch seine großen institutionellen Investoren vierteljährlich oder monatlich. Wüssten sie früh von Verzögerungen, könne man auf Augenhöhe miteinander sprechen, und dann lasse sich ein Problem eher lösen. Zu Beginn seiner Laufbahn als Unternehmer habe er die Lage stets in den rosigsten Farben geschildert, bis es irgendwann zum Konflikt gekommen sei. „Das funktioniert nicht so gut.“

Warum es auf das Team ankommt

Über die Bedeutung des Teams waren sich Lägel, Fakler und Hughes einig. Ein Gründerteam müsse bei Gegenwind durchhalten, sagte Lägel, etwa wenn das Kapital nicht so schnell komme wie nötig und die Gründer eine Zeit lang von ihren Ersparnissen leben müssten. Und es müsse sich neu erfinden können, wenn die Technologie plötzlich „den Bach runtergeht“. Dann sei ein Team es wert, ihm Zeit und Geld anzuvertrauen.

Fakler hob die Fähigkeit hervor, schnell umzusetzen: Kann ein Team sein Produkt in kurzer Zeit fast neu bauen oder in ein deutlich kleineres Format bringen? Steht es eine Patentklage durch? Oder kommt es frisch von der Hochschule und weiß nicht, was bei Gegenwind zu tun ist? Hughes erinnerte an die Komplexität des Marktes: Ein Team, das alle Anforderungen erfülle, sei schwer zu finden. Bringe es einiges davon mit und habe es einen Plan, wie es seine Kompetenzen erweitern wolle, sei das schon ganz gut. Eine sehr gute Basis müsse aber da sein. Vor allem bräuchten die Gründer einen langen Atem.

Apps auf Rezept: Der zähe Markt für DiGA

Deutschland sei „ein spezielles Land“, sagte Lägel. Nur zäh kamen nach seiner Erfahrung die digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) voran: digitale Medizinprodukte, meist Apps, die Ärzte und Psychotherapeuten verordnen können und deren Kosten die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nimmt sie entweder vorläufig in sein DiGA-Verzeichnis auf, solange der Nutzen noch in einer Erprobung belegt werden muss, oder dauerhaft, wenn er bereits nachgewiesen ist.

Als die ersten DiGA auf den Markt kamen, hätten viele Investoren große Summen hineingesteckt, er selbst eingeschlossen, erzählte Lägel. „Wow, endlich ist Deutschland wach geworden“, hätten sie gedacht. Der erhoffte Boom blieb aus. Das hätten alle „bitter lernen müssen“. Inzwischen wachse der Markt wieder, aber langsam. Lägel führte das auf den Widerstand der Krankenkassen zurück, die lieber eigene Apps anbieten wollten. Dennoch sei die DiGA „gekommen, um zu bleiben“.

Lägel empfahl den DiGA-Bericht des GKV-Spitzenverbands, der im April 2026 erschienen ist. Demnach haben gesetzlich Versicherte von September 2020 bis Ende 2025 rund 1,6 Millionen DiGA auf ärztliche Verordnung oder mit Genehmigung ihrer Krankenkasse genutzt. Die gesetzlichen Kassen zahlten dafür insgesamt rund 400 Millionen Euro, weniger als ein Promille dessen, was in Deutschland in einem einzigen Jahr für Gesundheit ausgegeben wird. Der GKV-Spitzenverband kritisierte bei der Vorstellung des Berichts, dass die meisten DiGA ohne nachgewiesenen Nutzen in die Versorgung kämen und im ersten Jahr zu Preisen bezahlt werden müssten, die ihre Hersteller selbst festlegen.

Potenzial stecke in dem Markt trotzdem, sagte Lägel, wenn ein Startup alles richtig mache. Er führte Kaia Health an, dessen Verkauf Hughes als einen der drei Exits vorgestellt hatte. Das Münchner Unternehmen begann 2016 mit einer App gegen Rückenschmerzen, die 2023 dauerhaft ins DiGA-Verzeichnis aufgenommen wurde. Das Versorgungsforschungsinstitut, an dem Lägel damals beteiligt war, habe daran mitgewirkt. Daneben entwickelte Kaia weitere Anwendungen und wurde Anfang 2026 für bis zu 285 Millionen US-Dollar an den Konkurrenten Sword Health verkauft. Was „alles richtig machen“ heißt, fasste Lägel so zusammen: auf dem deutschen Markt anfangen und dann international expandieren.

Was künstliche Intelligenz verändert

Bei DiaMonTech gehört KI zum Arbeitsalltag: beim Schreiben von E-Mails, beim Erstellen der technischen Dokumentation, beim Zusammenfassen regulatorischer Vorgaben. Man müsse aber immer gegenlesen, warnte Lubinski. Die KI mache gern „ein paar blöde Fehler“ und verteidige diese dann „mit Vehemenz“.

KI sei „ein super Helfer“, sagte Lägel, man müsse aber erkennen können, „wo sie Mist macht“. Startups und Investoren könnten ihre alten Pläne über den Haufen werfen, denn viele Aufgaben ließen sich mit KI und KI-Agenten unter Umständen effizienter erledigen als mit zusätzlichem Personal. Im Gesundheitswesen werde das zwar länger dauern als anderswo, aber Ressourcen freisetzen, die heute schmerzlich fehlen, und das System von „dämlicher Bürokratie“ entlasten.

Bei Startups sah Fakler KI bereits in der bildgebenden Diagnostik im Einsatz, etwa bei der Auswertung von Röntgen- und CT-Bildern. Das schone Ressourcen. Außerdem könne KI neue Biomarker finden, also messbare Merkmale im Körper, die auf eine Krankheit hinweisen. Wer Blut oder Plasma analysiere, erkenne normalerweise nur, wonach er suche. Eine KI entdecke womöglich Strukturen, nach denen bisher niemand gesucht habe, und daraus könnten neue Medizinprodukte entstehen.

Ausblick der Referenten

Lägel schöpfte Hoffnung daraus, dass die Medizin in den vergangenen Jahren zunehmend Krankheiten ursächlich behandle, statt nur Symptome zu lindern. Das habe mit Hepatitis C begonnen und reiche über Gen- und Zelltherapien und mRNA bis zu neuen Ansätzen in der Krebsbehandlung.

Zugleich sah Lägel durch KI einen Umbruch im Gang, der auch das Investieren verändere. Investments in reine Software könnten sich als „kompletter Schrott“ erweisen. Wer weiter in Software investiere, auch im Gesundheitsbereich, müsse genau darauf achten, wie schnell ein Startup wachse und Kunden gewinne. Dagegen werde man Investments in Medizintechnik und Biotechnologie, die viele Anleger bisher eher gescheut hätten, „extrem schätzen lernen“. Sie bräuchten zwar mehr Zeit, Vorfinanzierung und Geduld, böten aber „eine Menge Safety“. Risikoarm sind MedTech- und Biotech-Investments deshalb nicht: Auch solche Startups können scheitern, oft weil ihnen auf dem langen Weg das Geld ausgeht. Ein Totalverlust ist möglich.

Lubinski rechnete mit mehr Wearables, die mit mehr Sensoren mehr Biomarker erfassen, und mit einer KI, die lokal im Hintergrund läuft, sodass die Daten auf dem Gerät bleiben können. Statt nur den aktuellen Puls oder Blutzuckerwert anzuzeigen, könne sie Daten verknüpfen und etwa warnen: „In einer Woche wirst du krank.“ Die Medizin bewege sich damit weg von der Momentaufnahme beim jährlichen Check-up hin zu einer kontinuierlichen Überwachung, die schnellere Reaktionen erlaube.

Fakler hoffte, dass sich Krankheiten, die seit Jahrzehnten als kaum heilbar gelten, bald heilen lassen. Er verwies auf personalisierte Krebsimpfungen, die auf die Veränderungen im Tumor des einzelnen Patienten zugeschnitten und derzeit in klinischen Studien erprobt werden. KI könne hier in den nächsten Jahren große Sprünge ermöglichen.

Hughes erwartete, dass sich KI in der Diagnostik weiter durchsetze, und sah damit auch die personalisierte Medizin stärker in den Fokus rücken.

Fazit

MedTech- und Biotech-Startups bewegen sich nach Einschätzung der Referenten in großen, vergleichsweise gut bezifferbaren Märkten mit hohen Eintrittshürden, und finanzstarke Konzerne suchen gezielt nach Innovationen, die sie zukaufen können. Der Preis dafür ist Zeit: Studien, Zertifizierung und Erstattungsverfahren dauern lange, und bis zu einem möglichen Exit können rund zehn Jahre vergehen. Aus der Masterclass lässt sich eine kurze Prüfliste ableiten: Wer zahlt für das Produkt, und gibt es einen klaren Weg in die Erstattung? Ist der Nutzen messbar? Ist das Geschäft skalierbar, auch über Deutschland hinaus? Hat das Team neben wissenschaftlicher Expertise auch regulatorische und klinische Erfahrung? Und reicht das Geld bis zum nächsten Meilenstein?

Beantworten lassen sich diese Fragen oft nur mit Einblick in Studiendaten und Geschäftszahlen sowie im Gespräch mit den Gründern. Bei Companisto prüft ein Investmentteam Startups nach solchen Kriterien, bevor sie auf der Plattform Kapital einsammeln. Das Risiko tragen die Anleger trotzdem selbst: Auch sorgfältig geprüfte Startups können scheitern.

Wer in Gesundheits-Startups investieren will, sollte deshalb nur Geld einsetzen, das er langfristig entbehren kann, es auf mehrere Beteiligungen verteilen und einen langen Atem mitbringen. Denn ob ein Produkt am Ende Ärzte, Patienten und Krankenkassen überzeugt, zeigt sich oft erst nach Jahren.

Die Masterclass im Video

Die vollständige Aufzeichnung der Masterclass „Biotech und MedTech: Die nächste Evolutionsstufe“ vom 20. Mai 2026 ist auf YouTube abrufbar. Die wichtigsten Kapitel:

  • 04:11 Was ein MedTech-Startup investierbar macht
  • 09:14 Chancen und Herausforderungen aus Investorensicht
  • 20:22 Marktgröße, Wachstumstreiber und Exits
  • 24:50 Thorsten Lubinski und Ralph Lägel stellen sich vor
  • 27:53 Warum der Gesundheitsmarkt gerade in Bewegung ist
  • 32:43 Überraschungen der vergangenen Jahre
  • 36:46 Die größten Herausforderungen beim Aufbau von DiaMonTech
  • 40:30 Worauf ein Business Angel achtet
  • 44:36 Künstliche Intelligenz im Gesundheitsmarkt
  • 50:20 Ausblick
  • 54:30 Publikumsfragen zu DiGA

Die Referenten: Nicky Hughes und Andreas Fakler sind Investmentdirektoren bei Companisto und hatten dort zum Zeitpunkt der Masterclass zusammen knapp 100 Finanzierungsrunden begleitet. Thorsten Lubinski baut seit 2015 als Mitgründer und CEO die DiaMonTech AG auf. Zuvor hatte er mehrere Softwareunternehmen gegründet. Ralph Lägel ist Business Angel mit Schwerpunkt Gesundheitswesen. Er war unter anderem in der Pharmaindustrie tätig und baute für Pfizer einen Startup-Hub auf. Moderiert wurde die Masterclass von Companisto-COO Sarah Buge.

Hinweis: Dieser Beitrag beruht auf der Companisto-Masterclass vom 20. Mai 2026. Markteinschätzungen geben die Sicht der Referenten zum damaligen Zeitpunkt wieder; ergänzende Zahlen stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen (Stand: Oktober 2026). DiaMonTech, cureVision und PerioTrap haben Finanzierungsrunden über Companisto durchgeführt; ihre Erwähnung ist keine Empfehlung, in diese Unternehmen zu investieren. Der Text dient der allgemeinen Information und ist keine Anlageberatung. Der Erwerb von Startup-Beteiligungen ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals führen.

Stand vom 19.10.2026 00:00


 
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Hinweis

Der Erwerb der angebotenen Wertpapiere und Vermögensanlagen ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Vermögens führen. Der in Aussicht gestellte Ertrag ist nicht gewährleistet und kann auch niedriger ausfallen. Ob es sich um ein Wertpapier oder eine Vermögensanlage handelt können Sie der Beschreibung der Investitionsmöglichkeit entnehmen.