Social Trading – Aktienhandel mit Schwarmintelligenz

Fortgeschrittene

Wie Aktienanleger von der Crowd profitieren können

Von André Jasch
8 Minuten Lesezeit

Die Digitalisierung krempelt derzeit die Finanzbranche um, wie kaum eine zweite Branche. Kryptowährungen, Crowdinvesting und Robo-Adviser sind hierbei nur einige Schlagworte, die zeigen, wie tiefgreifend der Wandel ist. Diese Entwicklung macht auch vor dem Wertpapierhandel nicht halt. Seit einigen Jahren gibt es dort den Trend des Social Trading. Dabei setzen Anleger auf die Kraft sozialer Netzwerke.

 

 

Beim Social Trading vertrauen Investoren bei ihren Anlageentscheidungen auf das Prinzip der Schwarmintelligenz. Sie verlassen sich bei der Geldanlage auf nutzergenerierte Inhalte (Englisch: User-Generated Content, UGC). Diese Inhalte werden von verschiedenen Marktteilnehmern (private und institutionelle Investoren) in Form von öffentlich einsehbaren Portfolios und Markteinschätzungen auf sozialen Netzwerken oder speziellen Plattformen bereitgestellt.

So kann jeder Interessierte die Transaktionen des jeweiligen Traders mitverfolgen und teilweise sogar kommentieren. Außerdem werden die Informationen der öffentlich einsehbaren Portfolios (auch Musterdepots genannt) von Investoren dazu genutzt, um erfolgreiche Transaktionen, Techniken und Anlagestrategien nachzuahmen. Die erfolgreichsten Trader verzeichnen so häufig auch die meisten Follower. Es handelt sich also um eine Art „gemeinschaftlichen Wertpapierhandel“. Dies soll den Anlageprozess insgesamt transparenter und kostengünstiger machen, denn Privatanleger sparen sich die Gebühren für einen Vermögensberater.

Ein Teilbereich des Social Trading ist das sogenannte Copy Trading. Wie der Name schon erahnen lässt, werden hier die Handelsaufträge bekannter Trader einfach Eins zu Eins übernommen. Sie können dazu noch festlegen, ob sie alle Aktionen des Traders automatisch übernehmen oder nur ausgewählte. Investoren müssen sich also nicht selbst um Kauf und Verkauf von Aktien kümmern, sondern Vertrauen auf die Expertise des Traders, dem sie folgen.

Der Nachteil des Copy Trading liegt auf der Hand: Irrt sich der vermeintlich professionelle Trader, fährt auch der ihm folgende Anleger automatisch einen Verlust ein. Kontrollmechanismen wie die ständige Bewertung durch die Crowd greifen hierbei nur bedingt, die Gefahr eines unkontrollierten Herdentriebs ist noch einmal höher.

Der Unterschied zwischen Social Trading und Copy Trading liegt vor allem im Anlageuniversum – also den Finanzprodukten, in die der Trader investiert. Copy Trading kommt vor allem bei hochspekulativen Differenzkontrakten (Englisch: Contract For Difference, CFD) und bei Devisengeschäften (Englisch: Foreign Exchange Market, Forex) zum Einsatz. Dagegen findet Social Trading weite Verbreitung beim Handel mit Aktien, Fondsanteilen und Rohstoffen, aber auch bei Hebelprodukten.

 

 

Es gibt mittlerweile zahlreiche Plattformen, auf denen Anleger die Portfolios bekannter Trader nachbilden können. Zu den führenden Anbietern in Deutschland zählen ayondo, Zulutrade, Wikifolio und eToro. Dort können Investoren in der Regel Musterdepots anlegen und erst einmal probeweise mit Spielgeld an der Börse spekulieren. Darüber hinaus bieten einige Plattformen verbriefte Portfolios an. Das bedeutet, dass sie Zertifikate begeben, die sich an den beliebtesten und erfolgreichsten Portfolios orientieren und die teilweise sogar an der Börse handelbar sind.

Manche Plattformen arbeiten dazu mit etablierten Brokern zusammen, andere sind selbst Broker. Ein gutes Beispiel sind die Zertifikate des Anbieters wikifolio. Auf der Plattform finden sich Musterdepots privater Trader, professioneller Vermögensverwalter und renommierter Finanzmedien. Jedes dieser Musterdepots kann als fiktives Referenzportfolio dienen, auf das sich ein betreffender wikifolio-Index bezieht. Die Lang & Schwarz Aktiengesellschaft begibt darauf sogenannte Endlos-Indexzertifikate, die an der Börse Stuttgart gehandelt werden.

Bei den Kosten setzen die meisten Plattformen auf das sogenannte High-Watermark-Prinzip. Gebühren fallen dabei nur dann an, wenn das Portfolio, dem sie folgen, auch eine Rendite erwirtschaftet. Für Privatanleger ist dieses Modell deutlich günstiger als die erfolgsunabhängigen Gebühren vieler Vermögensverwalter und –berater.

Doch welchen Anreiz haben erfolgreiche Trader, ihre Anlagestrategien offen zu legen? Zuerst muss man dabei verstehen, dass die Musterdepots der Profis die Transaktionen nicht in Echtzeit, sondern mit Verzögerung darstellen. So ist gewährleistet, dass der jeweilige Trader seinen Informationsvorsprung behält. Zudem gibt es zwei hauptsächliche Anreize für Profis, ihr Börsenwissen zu teilen.

Die erste Motivation ist Ansehen. Börsenexperten, Analysten und Vermögensverwalter versuchen durch die Veröffentlichung ihrer Trades, ihre Reputation im Markt zu untermauern. Das Prinzip dahinter lautet: „Seht her, ich handle selbst nach meinen Kaufempfehlungen und habe Erfolg damit!“. Der zweite Anreiz ist finanzieller Natur. Einige Plattformen vergeben Erfolgsprämien an die Betreiber erfolgreicher Portfolios. Wenn ein Portfolio viele Follower hat und dazu noch eine gute Performance hinlegt, schütten sie eine Prämie an den Trader aus.

 

 

Belastbare wissenschaftliche Untersuchungen für eine Überlegenheit des Social Tradings gegenüber anderen Anlagestrategien fehlen bisher noch. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat Dr. Yaniv Altshuler vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) unternommen. Er hat die Renditechancen von Social Trading in einem Versuch unter die Lupe genommen und mit herkömmlichen Anlagestrategien verglichen.

Altshuler ging dabei der Frage nach, wie man die „Weisheit der Crowd“ nutze könne, ohne in die Falle des Herdentriebs zu verfallen. Dazu entwickelte er ein Social-Trading-Tool, das den Informationsfluss in den Netzwerken verbessern soll, indem die Aufmerksamkeit der Trader auf bestimmte Zusammenhänge gelenkt wird und Störeinflüsse minimiert werden. Er testete seinen Algorithmus auf der Plattform eToro mit 500 Teilnehmern. Das Ergebnis: Die Rendite der Trader, die mithilfe des sozialen Netzwerks Wertpapiere handelten, stieg um 10 Prozent im Vergleich zu Tradern, die darauf verzichteten.

 

 

Da es sich beim Social Trading nur um eine indirekte Form der Anlageberatung handelt, unterliegt der Bereich auch keiner Finanzregulierung, etwa durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Es gibt auch keine gesetzlichen Vorgaben, dass der Verwalter eines Musterdepots über berufliche Erfahrung oder Vorbildung im Finanzbereich verfügen muss. Jede Privatperson kann also ein Portfolio veröffentlichen und andere Personen können seine Transaktionen nachahmen.

Eine akute Gefahr des Social Trading ist die Mentalität des Gruppendenkens. Es kann zu einer Art Herdentrieb kommen, bei dem viele Anleger blindlinks einem vermeintlichen Profi hinterher laufen. Ist dabei erst einmal eine kritische Masse an Followern überschritten, folgen die nächsten Anleger allein aufgrund der Tatsache, dass der Trader schon so viele Menschen überzeugen konnte. Sie verlassen sich also auf die Risikoprüfung der anderen und werfen alle Kontrollmechanismen über Bord.

Dazu kommt die Vorgehensweise der Profi-Trader selbst. Sie geben zu Beginn an, in welche Finanzprodukte sie investieren und welche Strategie sie verfolgen. Diese Faktoren können sie im Nachhinein auch nicht mehr ändern, so dass Anlegern böse Überraschungen erspart bleiben sollten. Doch wenn ein Händler angibt, dass er potenziell in alle Finanzprodukte investieren möchte um sich einen gewissen Spielraum zu sichern, birgt das ein erhöhtes Risiko für alle Anleger, die ihm folgen. Im Notfall haben die Plattformen auch die Möglichkeit, ein Portfolio zu löschen und den Trader zu sperren, etwa bei Betrugsfällen.

Ein weiteres Risiko, das speziell mit dem Handel von Index-Zertifikaten verbunden ist, ist das Emittentenrisiko. Diese Zertifikate werden in der Regel von einem Finanzinstitut ausgegeben und wenn dieses insolvent geht, droht den Anlegern der Verlust ihrer Geldanlage. Häufig arbeiten die Plattformen nur mit einer einzigen Bank als Emittenten zusammen, so dass das Risiko stark gebündelt ist. Die Plattformen versuchen dieses Risiko durch Besicherungen abzufedern.

Verbraucherschützer sehen auch die Auflistung der verschiedenen Musterdepots kritisch, etwa beim Anbieter Wikifolio. So zitiert das Handelsblatt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg mit den Worten: „Die Anleger werden zum Umsteigen animiert, wenn sie sehen, dass ihr Wikifolio nicht oben mitspielt”, erklärt Nauhauser. Hinzu komme, dass in der Rangliste überwiegend spekulative Portfolios auftauchen, die eine höhere Rendite erwirtschaften, jedoch auch ein deutlich höheres Risiko eingehen. Langfristig ausgerichtete und eher defensive Portfolios erscheinen nur selten in der Rangliste.

 

 

Social Trading bietet für vor allem für Einsteiger wertvolle Chancen. Sie können beim Aktienhandel von der Schwarmintelligenz profitieren, durch den Austausch mit anderen Tradern in sozialen Netzwerken ihr Börsenwissen erweitern und so ihren Erfolg beim Handeln erhöhen. Außerdem können sich erfolgsversprechende Transaktionen und Strategien bei den Profis abschauen und nachahmen. Dadurch sparen sie Zeit für die Einarbeitung in ein komplexes Thema und auch Kosten, die normalerweise für eine Vermögensberatung fällig werden.

Dabei sollten Anleger jedoch nie die eigenen Kontrollmechanismen aufgeben und einfach blind einem Trader hinterher laufen, nur weil er viele Follower hat. In der Regel erzielen die spekulativsten Portfolios die höchsten Erträge. Doch sie weisen auch das höchste Risiko auf. Jeder Anleger sollte zunächst für sich herausfinden, was für ein Investoren-Typ er ist und anschließend Portfolios finden, die dem eigenen Typ entsprechen. So kann man das Potenzial der Schwarmintelligenz am effektivsten nutzen und das Risiko durch die eigenen Sicherheitsmechanismen eindämmen.

Haben Sie schon Erfahrung mit Social-Trading-Plattformen gemacht? Teilen Sie Ihre Erlebnisse mit uns!


 


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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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