von André Jasch

Guglielmo Marconi – Der Mann, der das Radio erfand

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Guglielmo Marconi – Der Mann, der das Radio erfand


„So soll es sein“, lautet die Botschaft, die der Empfänger 1897 nahe Bristol in Morsezeichen ausspuckt. 

Das Morsen an sich wurde zwar schon 60 Jahre zuvor erfunden und stellte keine Besonderheit mehr dar. Doch diese Nachricht wurde ohne einen Telegrafenmasten übertragen. Der Empfänger hat die Botschaft gerade buchstäblich aus der Luft gegriffen. Die Nachricht (im englischen Original „Let it be so“) stammt von der Insel Flat Holm, gelegen im Bristolkanal zwischen Cardiff und Bristol. Vor wenigen Sekunden wurde sie mithilfe eines sogenannten Knallfunkensenders drahtlos sechs Kilometer über die Luft bis aufs Festland übertragen.

Obwohl einige der anwesenden Zeugen so etwas schon einmal erlebt haben, haftet dem Moment noch immer etwas Magisches an. Es scheint als würde die Nachricht wie von Geisterhand durch den Äther übertragen. Einer der Zeugen, der Berliner Elektroingenieur Adolf Slaby, bezeichnet das Verfahren aufgrund des verwendeten Knallfunkensenders als Funkentelegrafie (im englischen Original „spark telegraphy“). Später sollte es sich unter dem Namen Funkübertragung auch in Deutschland etablieren.

Unter den Anwesenden befindet sich auch der Erfinder der Apparatur, der gerade erst 23-jährige Guglielmo Marconi. Er ist zufrieden mit dem Ergebnis, denn nach mehreren Fehlversuchen ist das Experiment endlich geglückt. Doch die Zufriedenheit hält nicht lange an. Guglielmo Marconi lässt den Versuch wiederholen, nur dieses Mal über eine Distanz von 15 Kilometern – und auch diese drahtlose Übertragung gelingt.


Guglielmo Marconi – Umtriebiger Geist aus reichem Elternhaus

Guglielmo Marconi wird 1874 in Bologna geboren. Er ist der Sohn des italienischen Adligen Giuseppe Marconi und dessen irischer Frau Annie Jameson, Enkelin des Gründers der Whiskeybrennerei Jameson & Sons. Die ersten Jahre verbringt er mit seiner Mutter und seinem Bruder Alfonso im englischen Bedford und besucht dort eine Privatschule. Anschließend kehrt die Familie nach Italien zurück. Dort besucht der junge Guglielmo zunächst in Florenz und dann in Livorno zur Schule. Nach dem Unterricht erhält er zusätzlichen Privatunterricht in Naturwissenschaften.

Nach der Schule besucht Guglielmo Marconi zwar ein paar Vorlesungen der Universität Bologna, wird aber mangels Hochschulreife nie für ein Studium zugelassen. Das hindert ihn jedoch nicht daran, sich mit den wissenschaftlichen Arbeiten von Heinrich Hertz auseinander zu setzen und ab 1895 seine Theorie der Hertzschen Wellen, die sich später elektromagnetische Wellen etablieren würden, in Experimenten nachzuweisen. In seinen ersten Versuchen kann er bereits Distanzen von zwei Kilometern drahtlos überbrücken.

Da seine Forschung in Italien auf wenig Unterstützung seitens der Regierung und des Militärs stößt, wendet sich Marconi wieder England zu. Dank der adligen Stellung seiner Familie besitzt er gute Kontakte dorthin, der italienische Botschafter in London ist ein Freund der Familie. In London lernt er auch den englischen Erfinder William Henry Preece, damals Chefingenieur des British General Post Office, kennen und führt ihm sein Sendesystem vor. Preece zeigt sich begeistert und wird in der Folge ein Unterstützer Marconis, den er als „Erfinder der drahtlosen Nachrichtenübertragung“ preist – sehr zum Ärger des englischen Physikers Olive Lodge, dem Marconi wesentliche Erkenntnisse seines Sendesystems verdankt.

William Henry Preece ist es denn auch, der das British General Post Office dazu bewegt, Marconis Experimente 1897 am Bristolkanal zu unterstützen. Nach dem durchschlagenden Erfolg der Experimente gründet Marconi seine erste Firma zur Vermarktung der drahtlosen Telegrafie, die „Wireless Telegraph and Signal Company” (später in „Marconi’s Wireless Telegraph Co. Ltd.“ umbenannt). Marconi setzt bei der Finanzierung der Firma erneut auf die wohlhabende Stellung seiner Familie und ihr Netzwerk. Größter Geldgeber und erster Vorsitzender der Firma wird ein Verwandter seiner Mutter, der Whiskeybrenner Jameson-Davis.


Guglielmo Marconi – Radiopionier und Seriengründer

In den folgenden Jahren erhöht Marconi in seinen Versuchen die Sendereichweite. Am Anfang des Jahres 1898 verschickt er das erste bezahlte Funktelegramm im Auftrag von Lord Kelvin von der Isle of Wight in die rund 20 Kilometer entfernte Hafenstadt Bournemouth. Obwohl Marconi das Ereignis als weiteres Experiment ansieht, das zuerst seinem Erkenntnisgewinn dient, besteht Lord Kelvin darauf, das Telegramm zu bezahlen. Nur ein Jahr später gelingt Marconi dann die erste drahtlose Funkübertragung über den Ärmelkanal, von einem Leuchtturm nahe der südenglischen Stadt Dover bis ins nordfranzösische Wimereux.

Doch Marconi will mehr. Er will als Erster ein Funktelegramm über den Atlantik schicken. Am südwestlichsten Zipfel Englands, der Region Poldhu in Cornwall, lässt er dazu eine Sendestation errichten. Am 12. Dezember 1901 überträgt die Station das erste transatlantische Telegramm – den Buchstaben „S“ – per Morsezeichen von Poldhu zu einer Militärbasis in St. John’s im über 3.200 Kilometer entfernten Neufundland. Es sind jedoch keine Zeugen anwesend, weshalb Marconi am 18. Januar 1903 eine weitere, diesmal öffentliche Vorführung organisiert. Zwischen Poldhu in Cornwall und Cape Cod in Massachusetts werden Grußbotschaften zwischen US-Präsident Theodore Roosevelt und dem König von England Eduard VII. ausgetauscht.

Marconi, der immer auch die Vermarktung seiner Forschung im Blick hat, gründet die „American Marconi Wireless Corporation“, die sich um die Geschäfte in den USA kümmern soll, und die „Marconi International Marine Corporation“, die Funksender für Schiffe vermarkten soll. Angetrieben durch das Interesse des britischen und US-amerikanischen Militärs wird die Funkübertragung auf See ein immer wichtigerer Geschäftszweig für Marconis Unternehmen. Sein Firmenimperium zieht auch namhafte Investoren an, darunter Thomas Edison und Andrew Carnegie.

Mit ihrer Hilfe schafft es Marconi n den Folgejahren zu einer fast unangefochtenen Monopolstellung auf dem Gebiet des Seefunkverkehrs. Seine einzigen Konkurrenten kommen aus Deutschland: Ferdinand Braun, der für Siemens & Halske arbeitet, und Adolf Slaby, der seine Geräte für die AEG entwickelt. Die größte Ehrung erreicht Guglielmo Marconi im Jahr 1909. Er bekommt für seine praktischen Arbeiten im Bereich der Funkentelegrafie zusammen mit Ferdinand Braun, der die theoretischen Grundlagen entwickelte, den Nobelpreis in Physik verliehen.

Das Glück sollte Marconi auch in den folgenden Jahren treu bleiben. Weniger Jahre nach der Nobelpreisverleihung wurde ihm einer der heiß begehrten Plätze für die Jungfernfahrt der Titanic angeboten. Doch weil der geschäftige Marconi noch Schriftverkehr zu erledigen hatte, nach er drei Tage zuvor das Schwesterschiff Lusitania, das eine Stenografin an Bord hatte. Auf jener Lusitania absolvierte Marconi im April 1915 deren letzte abgeschlossene Ozeanüberquerung, bevor das Passagierschiff wenig später von einem deutschen U-Boot versenkt wurde.


Erfinder des Radios – Marconi, Bose, Popow oder Tesla?

Im Nachhinein entbrannte ein erbitterter Streit darum, wer als der Erfinder des Radios in die Geschichte eingehen sollte. Neben Marconi erhoben auch der indische Wissenschaftler Jagadish Chandra Bose, der russische Ingenieur und Funktechnik-Pionier Alexander Stepanowitsch Popow und das serbisch-amerikanische Wissenschaftsgenie Nikola Tesla Anspruch auf diesen Titel. Bose entwickelte unter anderem den Empfänger, den Marconi sich später bei seiner transatlantischen Funkübertragung zu Nutze machte. Schon 1895 demonstrierte Bose bei einer öffentlichen Vorführung die drahtlose Funkübertragung, in dem er eine Glocke mittels elektromagnetischer Wellen zum Läuten brachte und Schießpulver über die Ferne entzündete.

Auch Popow beschäftigte sich etwa zur gleichen Zeit wie Marconi mit der drahtlosen Übertragung elektromagnetischer Wellen. Er entwickelte ein „Gerät zur Aufspürung und Registrierung elektrischer Schwingungen“ und demonstrierte 1896 die drahtlose Übertragung der Buchstaben „Heinrich Hertz“ über eine Entfernung von 250 Metern. Der russische Ingenieur patentierte seine Apparatur jedoch nicht, da das zaristische Russland damals keine Möglichkeiten zur Vermarktung seiner Erfindung bot. Erst nach dem zweiten Weltkrieg, etwa 40 Jahre nach seinem Tod, wurde Popow in der Sowjetunion – auch aus propagandistischen Zwecken im beginnenden Ost-West-Konflikt – zum „Erfinder des Radios“ ernannt.

Auch Nikola Tesla beschäftigte sich um die Jahrhundertwende zunehmend mit der drahtlosen Übertragung elektromagnetischer Wellen. 1893 demonstrierte er eine solche drahtlose Übertragung erstmals öffentlich. Mithilfe einer sogenannten Tesla-Spule konnte er Radiosignale senden und empfangen. Doch das Glück war nicht auf Teslas Seite. Im Jahr 1895, kurz bevor er eine Funkübertragung über 80 Kilometer durchführen wollte, ging sein Labor in Flammen auf. Marconi zog wohl in dieser Zeit an Tesla vorbei.

Tesla hielt jedoch eine Reihe von Patenten für die Funkübertragung und hoffte daher, siegreich aus dem Wettkampf mit Marconi hervorzugehen. Zu seiner Enttäuschung jedoch erklärte das US-Patentamt den italienischen Erfinder 1904 zum „Erfinder des Radios“ – eine Entscheidung, die die Behörde nicht näher begründete und Tesla als Verlierer im Streit der Radiopioniere zurückließ. Daran änderte auch eine späte Entscheidung des obersten Gerichtshofs in den USA nicht, dass Tesla Patente 1943 wiederherstellte und festhielt, dass Marconi eine Vielzahl seiner Patente für seine Durchbrüche nutzte. Dennoch ging Marconi später allein als Erfinder des Radios in die Geschichte ein. 

Guglielmo Marconi starb 1937 an einem Schlaganfall in Rom. Zum Gedenken an seine Leistungen wurde der weltweite Funkverkehr für kurze Zeit ausgesetzt – zwei Minuten Stille für einen Pionier der Wissenschaft. 


 

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