von André Jasch

Nikola Tesla und die Niagarafälle

10 Minuten Lesezeit
Gefällt mir
Nikola Tesla und die Niagarafälle

Was macht einen herausragenden Pionier aus? Wir verbinden mit Pionieren eine ganze Reihe unterschiedlicher Eigenschaften, doch die wohl wichtigste ist unbändige Leidenschaft. Pioniere brennen für ihr Thema. Sie scheuen sich nicht, große Visionen zu entwickeln und diese mit einer Zielstrebigkeit zu verfolgen, die manchmal schon an Besessenheit grenzt. Sie trotzen dabei allen Widerständen, setzen sich gegen Kritiker und Konkurrenten durch und tun dies in aller Regel nicht nur für den persönlichen Profit, sondern vor allem um ihrer Idee zum Durchbruch zu verhelfen.

Einer der schillerndsten Pioniere der Menschheit wird 1856 als Kind serbischer Eltern im damaligen Kaiserreich Österreich-Ungarn geboren. Mit großen Augen sitzt ein schmaler Junge auf einer Schulbank und folgt den Experimenten seines Physiklehrers. Nikola Tesla entdeckt in dieser Stunde seine Faszination für die Naturwissenschaft. Als ihm sein Onkel ein Bild der gewaltigen Niagarafälle zwischen den USA und Kanada zeigt, zeigt sich der junge Tesla tief beeindruckt von den Kräften der herabrauschenden Wassermassen, schreibt Tesla-Biograf Marc J. Seifer in seinem Buch „Wizard: The Life and Times of Nikola Tesla“. Der junge Nikola träumt davon, die Energie des Naturwunders eines Tages durch ein gigantisches Mühlrad nutzbar zu machen.

Der Wissensdurst Teslas kennt keine Grenzen. Als junger Mann besucht er einige Jahre später die polytechnische Universität in Graz. Tesla schreibt alle Klausuren im Eiltempo, der Stoff ist keine Herausforderung für ihn. Zur selben Zeit verfällt er der Spielsucht und verzockt sein gesamtes Studiengeld durch Karten- und Billard-Spiele. So muss er die Universität ohne Abschluss verlassen, irrt ziellos durch Europa. Er verbringt kurze Zeit als Gasthörer an der Universität in Prag, nimmt dann eine Anstellung bei einer Telegrafenfirma in Budapest an und nimmt schließlich eine Stelle bei der „Continental Edison Company“ – der Firma von Thomas Edison – in Paris an. Als der Manager Charles Batchelor ihm die Möglichkeit bietet, in den USA für Edisons Unternehmen zu arbeiten, muss Tesla nicht lange überlegen. Ohne etwas, das ihn in Europa hält und ohne einen Penny in der Tasche, wandert er mit 28 Jahren in die USA aus.

Tesla trifft seinen großen Widersacher

In New York angekommen, trifft er auch zum ersten Mal auf den berühmten Firmengründer und Erfinder Thomas Alva Edison. Tesla ist zwar nur ein kleines Zahnrädchen in Edisons gigantischer Maschinerie, doch er überzeugt mit einem unbändigen Arbeitswillen. Er schuftet Tag und Nacht daran, die Maschinen neu zu entwerfen und zu verbessern. Einmal lobt das Edisons Unternehmen einen Bonus von 50.000 Dollar (etwa 12 Millionen Dollar heutzutage) für die Neugestaltung von Generatoren aus. Tesla meistert die Aufgabe mit Bravur, doch der Bonus wird ihm verweigert. Als Begründung, so schreibt es Autor John O’Neill in seinem Werk „Prodigal Genius: The Life of Nikola Tesla“, sagt man ihm, es habe sich nur um einen Scherz gehandelt und er würde nur den amerikanischen Humor nicht verstehen.

Diese Ungerechtigkeit kränkt Tesla zutiefst. Er ist überzeugt davon, dass er mehr Wertschätzung für seine Arbeit verdient hätte und bittet um eine Gehaltserhöhung von 18 auf 25 Dollar pro Woche. Nach einem Bericht des Forbes Magazine schmettert Charles Batchelor, derselbe Manager, der Tesla zuvor von Paris nach New York gelotst hat, das Gesuch mit den Worten ab: „Die Wälder sind voll von Männern wie ihm, Ich kann so viele von ihnen für 18 Dollar pro Woche bekommen wie ich will“. Eine fatale Fehleinschätzung, wie sich später herausstellen sollte. Nach nur sechs Monaten verlässt Tesla das Unternehmen. Die Boni werden nie ausgezahlt.

Daraufhin gründet Tesla, mittlerweile passionierter Ingenieur und Erforscher von Elektrizität, seine eigene Firma „Tesla Electric Light & Manufacturing“ und meldet auch die ersten Patente in den USA an, darunter ein Beleuchtungssystem und ein verbesserter Gleichstromgenerator. Er kann zwei namhafte Investoren dafür gewinnen, seine Firma finanziell zu unterstützen. Doch als er entgegen dem herrschenden Zeitgeist damit beginnt, an Wechselstrom-Technologie zu arbeiten, ziehen diese ihre Unterstützung wieder zurück, weil sie nicht an seinen Erfolg glauben. Sie gründen eine neue Firma und nehmen Teslas Patente mit. „Tesla Electric Light & Manufacturing“ scheitert und der serbische Erfinder bleibt erneut mittellos zurück.

Die wohl schwerste Zeit seines Lebens beginnt: Er muss sich mit einfachen Arbeiten als Grabenbauer und Mechaniker über Wasser halten. „Meine hohe Bildung in den verschiedenen Bereichen der Wissenschaft, Mechanik und Literatur kam mir vor wie Hohn“, schreibt er später über diese Lebensphase. Doch Tesla gibt nicht auf. Sein Glaube an den technischen Fortschritt ist ungebrochen. Und er kann neue Geldgeber von seinen Ideen begeistern und gründet mit ihrer Hilfe sein zweites Unternehmen, die „Tesla Electric Company“.

„Stromkrieg“: Westinghouse vs. Edison

Nun widmet er sich verstärkt der Entwicklung von Generatoren und Maschinen, die auf Basis von Wechselstrom funktionieren. Im Jahr 1888 gelingt ihm dann der Durchbruch. Er präsentiert den ersten funktionierenden Wechselstrommotor vor dem Amerikanischen Institut der Elektroingenieure. So erlangt er auch die Aufmerksamkeit des Unternehmers und Ingenieurs George Westinghouse, der sich selbst mit der Vermarktung der Wechselstrom-Technologie beschäftigt. Westinghouse erkennt Teslas genialen Erfindergeist und geht mit ihm eine Partnerschaft ein, die bis an Teslas Lebensende Bestand haben soll.

Die Welt erlebt zu dieser Zeit einen Paradigmenwechsel. Elektrischer Strom löst allmählich Kohle, Öl und Gas als moderne Energiequelle ab. Immer mehr Städte in den USA und Europa wollen elektrisch Straßenbeleuchtung statt Öllampen und elektrisch betriebene Straßenbahnen statt Dampfmaschinen. In den folgenden Jahren findet in der US-Öffentlichkeit der „Stromkrieg“ statt, ein Kampf der Giganten – George Westinghouse und Thomas Edison - um die Vorherrschaft des künftigen Strommarktes. Sie streiten insbesondere darüber, ob sich Gleich- oder Wechselstrom als Technologie durchsetzen wird. Wechselstrom hat dabei den entscheidenden Vorteil, dass er sich leichter in andere Spannungen umwandeln lässt. Doch in der Öffentlichkeit herrschen Sicherheitsbedenken.

1893 erhält George Westinghouse den Zuschlag, die Weltausstellung in Chicago mit Strom und Licht zu versorgen. Er sticht Thomas Edison aus, indem er ihn preislich deutlich unterbietet. Auch Tesla, der seit 1891 offiziell aucch US-Staatsbürger ist, landet auf der Weltausstellung mit der Präsentation der Wechselstromtechnologie einen riesigen Erfolg. 1895 folgt der nächste Sieg für Westinghouse und Tesla im anhaltenden „Stromkrieg“ gegen Edison, als Tesla auf der „National Electrical Exposition“ in Philadelphia für weltweites Aufsehen sorgt. Dort präsentiert er sein System zur Energieübertragung erstmals öffentlich. Er schafft es, Strom aus Niagara Falls bis nach Philadelphia zu transportieren. Selbst sein Konkurrent Thomas Edison muss eingestehen: „Die verblüffendste Sache auf dieser Exposition ist die Vorführung [von Tesla] der Fähigkeit, elektrischen Strom hierher zu liefern, der in den Niagarafällen hergestellt wurde. Meiner Meinung nach löst das eine der wichtigsten Fragen, die mit dem elektrischen Fortschritt verknüpft sind.“

Tesla verwirklicht seinen Lebenstraum

Als kleiner Junge träumte Nikola Tesla davon, die Energie der Niagarafälle in großem Maßstab für die Menschheit nutzbar zu machen. Als die „Niagara Falls Power Company“ eine weltweite Ausschreibung für das erste Wasserkraftwerk an den Niagara Fällen startet, sieht er seine Chance gekommen. Die Baupläne für das Kraftwerk existieren, doch mangelt es an einer effizienten Lösung für die Übertragung der Energie. Er zögert nicht. Westinghouse Electric gewinnt die Ausschreibung im Jahr 1893 und sichert sich neben dem Preisgeld von 100.000 US-Dollar (entspricht heute etwa 24 Millionen US-Dollar) auch die Chance, einen Lebenstraum zu verwirklichen.

Die „Niagara Falls Power Company“ übernimmt das von Tesla entwickelte Zweiphasenwechselstrom-System zur Energieübertragung und lässt sich von ihm bei der technischen Umsetzung beraten. Am 25. August 1895 wird in Niagara Falls das weltweit erste Wasserkraftwerk zur Gewinnung von Elektrizität in Betrieb genommen, wie das U.S. Department of Energy berichtet. Es nutzt die Energie der gigantischen Wassermassen und erzeugt so eine Leistung von 37 Megawatt Wechselstrom. Zu den ersten Kunden des Kraftwerks in Niagara Falls gehört die städtische Straßenbahn-Gesellschaft von Buffalo, eine Großstadt im US-Bundesstaat New York nur 30 Kilometer von den Niagarafällen entfernt.

Das Kraftwerk an den Niagarafällen bildet den Startpunkt für die Elektrifizierung der Welt. Zunächst traut die Industrie der neuen Technik noch nicht über den Weg und stellt nur zögerlich von Dampfmaschinen auf Elektromotoren um. Doch eine unaufhaltsame Welle des Fortschritts rollt durch die Branche. Sie wird die Art und Weise, wie Energie hergestellt und transportiert wird, für immer verändern. In den kommenden Jahrzehnten stellen immer mehr Unternehmen auf Wechselstrom um. Auch Edisons Firma General Electric springt nun endgültig auf den Wechselstrom-Zug auf, wie Forbes Magazine berichtet. Thomas Edison, der sich lange weigerte, seine Niederlage im „Stromkrieg“ zu akzeptieren, kommt endlich zur Vernunft. Später gibt er zu, dass es der größte Fehler seiner Karriere war, auf Gleichstrom zu setzen und so lange daran festzuhalten.

Am 16. November 1896 werden Buffalos Straßen durch elektrische Straßenlaternen hell erleuchtet, die mit Strom aus den Niagarafällen versorgt werden. Obwohl die Beobachter daran zweifelten, dass die Energie der Niagarafälle ausreichen würde, um eine Großstadt mit Strom zu versorgen, war Tesla sogar überzeugt, dass damit sogar die gesamte US-Ostküste versorgt werden könne. Heute nutzen Kanada und die USA etwa die Hälfte des Wassers der Niagarafälle zur Stromproduktion. Allein das Wasserkraftwerk „Robert Moses Niagara“ verfügt dabei über eine Gesamtleistung von 2,4 Gigawatt und versorgt etwa ein Viertel der Bundesstaaten New York und Ontario mit Energie.

Teslas Einfluss auf die Moderne

Wer war Nikola Tesla nun wirklich? Notorisch klammer Tüftler oder genialer Geist? Die öffentliche Meinung darüber ging zu seiner Zeit weit auseinander. Viele sahen in Thomas Edison den großen Erfinder und in Tesla den verschrobenen Spinner, was ihn selbst nicht im Geringsten kümmerte. Er zweifelte nie daran, wen von beiden die Geschichte als bedeutender beurteilen würde. So sagte er einmal: „Lasst die Zukunft die Wahrheit sagen und jeden einzelnen nach seiner Arbeit und seinen Errungenschaften beurteilen. Die Gegenwart gehört ihnen, aber die Zukunft, für die ich wirklich gearbeitet habe, gehört mir.“

Ein Blick auf Teslas Errungenschaften lässt keinen Zweifel an seiner Genialität. Selten hat ein einzelner Mensch den technologischen Fortschritt so sehr mitgestaltet. Tesla meldete im Laufe seines Lebens 280 Patente in 26 Ländern an, davon allein 109 in den USA. Auf ihn gehen zahlreiche Erfindungen zurück, ohne die unser modernes Leben nicht denkbar wäre. Er gilt als Begründer der modernen Elektrotechnik und der drahtlosen Energieübertragung. Er meldete das erste Funkpatent an, erfand die Fernbedienung und soll sogar die X-Strahlen zufällig einige Wochen vor Wilhelm Röntgen entdeckt haben.

Außerdem gilt er als Begründer der modernen Nachrichtenübertragung mittels drahtloser Telegraphie. Er entwickelte sogar einen Vorläufer des Lautsprechers, ohne ihn je patentieren zu lassen. Der serbisch-stämmige Erfinder ist der Namensgeber einer Maßeinheit für magnetische Flussdichte, der Tesla-Spule, des Tesla-Oszillators, der Tesla-Turbine, eines Asteroiden (2244 Tesla) und eines 26 Kilometer breiten Kraters auf der Rückseite des Mondes. Darüber hinaus ist er Namenspatron der Firma Tesla Inc., dem berühmten US-Hersteller von Elektroautos.

Es störte Tesla nicht weiter, dass andere aus seinen Erfindungen Profit schlugen. „Es ist mir egal, dass sie meine Idee gestohlen haben. Aber es stört mich, dass sie selbst keine eigenen Ideen haben“, so der Erfinder. Doch es war genau diese Unachtsamkeit gegenüber geschäftlichen Angelegenheiten, die ihn immer wieder um die Früchte seiner Arbeit brachte. Tesla verstand sich als Erfinder und Ingenieur, nicht als Geschäftsmann.

Nikola Tesla starb am 7. Januar 1943 verarmt in einem New Yorker Hotel. Am 9. Juli 2006, anlässlich seines 150. Geburtstags, wurde in Niagara Falls, im kanadischen Bundesstaat Ontario ein Tesla-Denkmal enthüllt. Auch auf der US-amerikanischen Seite der Niagarafälle steht ein Denkmal zu seinen Ehren.

Sein wichtigstes Denkmal ist jedoch die moderne Technologie, die ohne Teslas unbändige Leidenschaft für Energie nicht möglich gewesen wäre.


 

EMPFOHLENE ARTIKEL



Kommentare

Das Kommentieren ist nur für registrierte Companisten möglich. Bitte melden Sie sich an, um kommentieren zu können.

Hinweis
Der Erwerb dieser Vermögensanlage ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Vermögens führen.

Folgen Sie uns

Kontakt
Ihr Ansprechpartner bei Fragen rund ums Investieren auf Companisto:
Andreas Riedel
Investor Relations

Kostenlose Rufnummer für Investoren

0800 - 100 26 70 (DE)
0800 - 10 02 67 (AT)
0800 - 10 02 67 (CH)

Servicezeiten von Mo-Fr 9-19 Uhr.

Companisto GmbH
Köpenicker Str. 154
10997 Berlin
TÜV geprüftes Online-Portal | Companisto
Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
Investoren-Support