Die richtige Anlagestrategie – Diversifikation oder Konzentration?

Fortgeschrittene

Graham vs. Markowitz

Von André Jasch
8 Minuten Lesezeit

Wer sich als Anleger mit Strategien zum Vermögensaufbau beschäftigt, sieht sich schnell mit zwei verschiedenen Ansätzen konfrontiert: Diversifikation und Konzentration. Beim ersten Ansatz geht es im Kern darum, das Risiko eines Portfolios auf möglichst viele unterschiedliche Geldanlagen zu streuen. Die zweite Variante dagegen zielt auf maximale Rendite ab, in dem das verfügbare Kapital auf die erfolgreichste Geldanlage konzentriert wird.

Welche Strategie sich am besten eignet, hängt auch davon ab, ob man als Anleger mit einer sicheren oder unsicheren Zukunft rechnet. Wer an eine sichere Zukunft glaubt, ist der Ansicht, die Entwicklung einer Geldanlage durch Wissen und Erfahrung sicher prognostizieren zu können. In diesem Fall lohnt es sich, die vielversprechendsten Anlageobjekte zu identifizieren und den optimalen Betrag in sie zu investieren.

Wer dagegen an eine unsichere Zukunft glaubt, ist der Meinung, es gäbe immer unvorhersehbare Faktoren, die die Entwicklung einer Geldanlage beeinflussen. In diesem Fall ist es unabdingbar, das verfügbare Kapital auf Geldanlagen aus verschiedenen Bereichen zu verteilen. So wird das Risiko eines Verlusts gesenkt und die langfristigen Erfolgschancen erhöht.

 

Eine Strategie, um das Risiko eines Verlusts zu minimieren, ist die Risikostreuung. Dabei wird das verfügbare Kapital auf Geldanlagen aus verschiedenen Wirtschaftsbereichen verteilt, die sich sowohl im Risiko als auch in ihrem Renditepotenzial unterscheiden. So stellt man als Anleger sicher, dass bei einer unvorhergesehenen Krise in einer Branche und einem Marktsegment nicht alle Anlagen gleichzeitig an Wert verlieren. Bei dieser Strategie spricht man von Diversifikation (oder auch Diversifizierung).

Diversifikation leitet sich aus der Modernen Portfolio-Theorie ab. Sie ist ein Teilgebiet der Kapitalmarkt-Theorie und bis heute Grundlage der Investment-Entscheidungen großer Versicherungen, Hedgefonds und Vermögensverwalter. Ihr Wegbereiter war der Ökonom und Nobelpreisträger Harry Max Markowitz. Der in Chicago geborene Ökonom belegte in den 50er Jahren empirisch, dass die Diversifikation eines Portfolios jeder Einzelinvestition in Bezug auf das Chancen-Risiko-Verhältnis überlegen ist. Das sei auch dann noch der Fall, wenn die Einzelinvestition besonders gut ausgewählt ist.

Laut der Portfolio-Theorie sollten die einzelnen Anlagen – also vorwiegend Wertpapiere, aber auch Immobilien und Edelmetalle – nie isoliert in Bezug auf Renditepotenzial und Risiko betrachtet werden, sondern immer in Bezug zueinander. Denn jede Investition hat Auswirkungen auf die Wertentwicklung des Gesamtportfolios. Man spricht dabei von der Korrelation der Anlagen. Bei einer positiven Korrelation entwickeln sich beide Werte in dieselbe Richtung, bei einer negativen Korrelation dagegen in die entgegengesetzte Richtung.

Für ein gut diversifiziertes Portfolio sind positive Korrelationen soweit es geht zu vermeiden. Eine Studie des US-Wirtschaftswissenschaftlers Peter Bernstein aus dem Jahr 2000 mit dem Titel „Risk Management, Financial Markets and Insurance: The Hidden Linkages“ hat gezeigt, dass Diversifikation maßgeblich zur Senkung des Risikos beitragen kann. Demnach lässt sich das Risiko eines Portfolios durch Diversifikation um 25-30 Prozent senken. 

Wer als Privatanleger dazu noch in derselben Anlageklasse diversifizieren möchte, sollte im Zweifelsfall alle Positionen gleich gewichten. Auf besonders spekulative Wetten wie die zukünftige Entwicklung eines bestimmten Marktes sollte dabei verzichtet werden, denn falsche Prognosen stellen langfristig das größte Risiko für eine schlechte Wertentwicklung des Gesamtportfolios dar.

Zudem sollten Anleger auf eine langfristige Strategie setzen und diese auch diszipliniert beibehalten. Zwar kann eine gute Auswahl und Gewichtung einzelner Anlagen kurzfristig sehr relevant sein, auf lange Sicht aber haben sie nur geringen Einfluss auf die Wertentwicklung. Bernstein schreibt dazu: „Wenn sie 10 oder 20 Prozent hinter dem liegen, was sich retrospektiv als die beste Verteilung erwiesen hat, dann haben Sie nicht so viel verloren.“

 

Wenn die Zukunft sicher ist, erzielt man als Anleger das beste Ergebnis, wenn man sein gesamtes Geld in die erfolgreichste Kapitalanlage investiert. Man spricht dann von einer Konzentration oder Konzentrationsstrategie. Wenn sich ein Anleger absolut sicher über die Wertentwicklung einer Geldanlage ist, führt die Konzentration von Kapital auf diese Anlage auch zur höchsten Rendite. Eine Risikostreuung würde die Rendite nur verwässern. Der Ertrag einer Geldanlage ist dabei auf lange Sicht zu verstehen und bezieht sich nicht auf kurzfristige Wertschwankungen.

Mit Hinblick auf Investitionen an der Börse bezeichnet man diese Strategie auch als Value Investing. Der Wegbereiter des Value Investing ist der Ökonom Benjamin Graham. Zusammen mit seinem Kollegen David Dodd brachte er 1934 das Buch „Security Analysis“ heraus, dass die intellektuellen Grundlagen des Value Investing gelegt hat. Der berühmteste Vertreter dieser Anlagestrategie ist Warren Buffett, einer der erfolgreichsten Investoren aller Zeiten. Buffett ist erklärter Gegner von Diversifikation und bezeichnete diesen Ansatz einmal als „Schutz gegen Unwissen“, der wenig Sinn mache, wenn man das nötige Wissen habe.

Wodurch zeichnet sich das Value Investing aus? Zunächst investieren Anleger, die diesen Ansatz verfolgen, nur in Unternehmen und Branchen, deren Geschäftsmodelle sie selbst verstehen. Innerhalb dieser Branchen suchen Value Investoren nach unterbewerten Unternehmen. Dazu führen sie eine detaillierte Aktienanalyse – auch Fundamentalanalyse genannt – durch und ermitteln so den Inneren Wert eines Unternehmens. Sollte dieser Wert unter der Bewertung liegen, zu der das Unternehmen aktuell an der Börse gehandelt wird, kauft der Value Investor die Unternehmensanteile und hält sie solange, bis sich der „wahre Wert“ des Unternehmens erfüllt hat.

Es handelt sich dabei also um eine langfristige Anlagestrategie, die neben ausgiebigen Kenntnissen in der Aktienanalyse auch viel Geduld erfordert. Denn ein Value Investor muss oft jahrelang auf die beste Kaufgelegenheit warten, um ein Unternehmen mit herausragendem Management und solidem Geschäftsmodell zum günstigsten Preis zu erwerben. Außerdem erfordert es den Mut, Kurseinbrüche an der Börse als Kaufgelegenheit anzusehen, statt wie der Rest der Investoren zu verkaufen. Value Investoren müssen also bereit sein, gegen den Strom zu schwimmen und damit auch hohe Risiken einzugehen. Nur so lassen sich die überdurchschnittlichen Renditen erwirtschaften, die beispielsweise Warren Buffett und Berkshire Hathaway Jahr für Jahr erzielen.

 

Für professionelle Anleger mag es sich lohnen, unterbewertete Aktien zu identifizieren und nur auf diese zu setzen. Für Privatanleger ist das in der Regel jedoch einem zu hohen Aufwand verbunden. Es setzt nicht nur ein hohes Maß an Expertise voraus, sondern auch viel Investmenterfahrung und Geduld. Nicht ohne Grund beschäftigt Warren Buffett für seine Investmentfirma Berkshire Hathaway ein ganzes Heer an Rechtsanwälten, Steuerberatern und Finanzexperten, die jedes potenzielle Investment auf Herz und Nieren prüfen können. 

Für Privatanleger ist daher weiterhin Diversifikation die sicherere Strategie. Nur bleibt die Frage, in welchen Bereichen diversifiziert werden sollte. Eine besondere Herausforderung stellt dabei das vorherrschende Niedrigzinsumfeld dar und die gestörte Preisfindung der Finanzmärkte. Daniel Steltner, der jahrelang bei der Boston Consulting Group als Unternehmensberater tätig war und nun für die Wirtschaftswoche eine Kolumne über die Finanzmärkte schreibt, gibt zu bedenken, dass die Preise für Vermögenswerte – besonders Staatsanleihen und Aktien – durch die expansive Geldpolitik der Notenbanken stark verzerrt sind.  

So besitzen die größten Notenbanken – Europäische Zentralbank, Bank of Japan und Federal Reserve – heute bereits rund 20 Prozent aller Staatsanleihen, was die Zinsen auf diese Anleihen stark verzerrt. „Ist das Zinsniveau manipuliert, stimmen auch die Preise anderer Vermögenswerte nicht mehr. Alles erscheint ‚billig‘ im Vergleich zu Staatsanleihen“, so Steltner. Darüber hinaus sind die Notenbanken auch in Unternehmensanleihen, Aktien und Indexfonds investiert. Die Bank of Japan besitzt rund 3 Prozent der japanischen Börse und hat zudem börsengehandelte Indexfonds (ETF) im Volumen von 127 Milliarden US-Dollar aufgekauft. Auch die Schweizer Notenbank hat rund 80 Milliarden Euro in US-Aktien wie Apple, Microsoft, Amazon und Facebook investiert. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Aktienpreise an den weltweiten Börsen.

Was bleibt angesichts dieser Verzerrungen für Privatanleger zu tun? Steltner gibt folgenden Rat: „Nichts kaufen, weil alle Preise manipuliert sind, ist keine Strategie. Wir müssen uns damit abfinden, dass am Ende dieses Spiels die Autorität der Notenbanken und das Vertrauen in die vorherrschende Geldordnung ruiniert sein werden. Deshalb dürfte Geld am Schluss das schlechteste aller Investments sein. Zwischenzeitlich dürfte eine erhöhte Liquidität jedoch eine Möglichkeit bieten, bei Korrekturen an den Märkten gezielt zuzukaufen. Dabei bleibe ich weiterhin bei meiner Empfehlung, je 25 Prozent in Gold, Aktien, Immobilien und Liquidität zu halten.“

 

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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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