von Jana Biesterfeldt

Die Angst vor dem Scheitern - Ein Hemmnis beim Gründen?

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Die Angst vor dem Scheitern - Ein Hemmnis beim Gründen?

Nicht jede Unternehmung führt zum Erfolg. Das müssen leider viele Gründer erfahren. Nur eines von zehn Startups wird richtig erfolgreich, besagen zahlreiche Studien. Gründe dafür sind vielfältig und nicht immer vorher abzusehen.

Die Geschichte von Johannes Puschmann ist eine von vielen. Der Gründer hat mit 28 sein erstes Unternehmen aufgebaut und ist damit krachend gescheitert. „Wir hatten eine Idee skizziert und sind damit etwas blauäugig hausieren gegangen. Wir dachten, die Idee ist so toll, dass wir sofort Geld bekommen. So einfach war es dann aber doch nicht. Am Ende gab es Streit und man ging getrennte Wege.“ Es ging um eine interaktive Shoppingseite, doch das Geschäftsmodell war zu unausgereift, sagt er.

Scheitern – ein ganz normales Phänomen in der Startup-Szene

Der Trend in Deutschland ist eindeutig: Zu wenige Selbstständige, weniger Gründungen. Die Zahl der Gründungen in Deutschland ist im Jahr 2017 rückläufig gewesen, wie aus einem KfW-Bericht hervorgeht. Nur 557.000 Personen machten sich im vergangenen Jahr selbstständig. Das sind 17 Prozent weniger Gründungen als noch im Vorjahr.

Der Global Entrepreneurship Monitor 2017/2018 vom RKW Kompetenzzentrum und der Universität Hannover ermittelte die Lage des Unternehmertums in Deutschland. In einer Beziehung gibt es auffällige Zahlen: In Deutschland machen sich etwas über fünf Prozent aller 18- bis 64-Jährigen selbstständig und gründen ihr eigenes Unternehmen. Deutschland ist dabei unter dem internationalen Durchschnitt.

Gründen erscheint für viele Deutsche nicht attraktiv. Aber warum?

Die Angst vor einem Scheitern wird als Hauptgrund genannt. Das sagen laut dem Global Entrepreneurship Monitor 42 Prozent der Befragten. Deutsche setzen lieber auf Sicherheit und scheuen vor der Unsicherheit einer Selbstständigkeit zurück, so die Studie. „Bloß keine Experimente eingehen“, so ließe es sich auch zusammenfassen. Ein sicherer Beruf ist für viele Deutsche ein wichtiger Faktor bei der Karrierewahl. So berichtet auch das Handelsblatt: „Die deutsche Risikoaversion zeigt sich nicht nur beim Geldanlegen, sondern auch beim Unternehmertum.“

Es ist ein Mentalitätsproblem, welches die Deutschen scheinbar nicht so einfach überwinden können. Dazu führt auch das Ablehnen des Scheiterns als Teil einer Existenzgründung. Ein Faktor ist dabei auch die Gründerkultur, die in Deutschland weniger entwickelt ist als in den USA mit seinem Silicon Valley. Das Scheitern eines Startups bedeutet hier ein Misserfolg, ein Fehlschlag für die Gründer.

Natürlich ist Scheitern nicht schön und keiner will es erleben. Aber eine andere Bewertung eines Misserfolges kann Ängste auflösen und die emotionale Last des Makels nehmen.

Scheitern kann Chance für einen Neuanfang sein

Philipp Hartmann, Mehrfachgründer und Gesellschafter der Rheingau Ventures bewertet das Scheitern grundlegend anders als die meisten Deutschen: 

„Für mich bedeutet ‚Scheitern‘ grundlegend, ein vorab gestecktes Ziel nicht erreichen zu können. Ich verbinde damit aber auch immer eine Phase der Manöverkritik: Eine Zeit, in der man gemachte Fehler Revue passieren lässt und reflektiert. Schließlich steckt im ‚Scheitern‘ für mich immer eine gehörige Portion positive Energie, um beim zweiten Anlauf aus Fehlern gelernt zu haben und es besser zu machen.“

Auch Christian Cohrs vom Business Punk Magazin ist überzeugt

„100 Prozent der Gründer glauben an ihre Idee. Das ist meiner Meinung an sich eine positive Entwicklung: Die Leute haben eine Vision für ihr Business, sind davon begeistert und können andere mit dieser Begeisterung anstecken. Wenn es dann nicht klappt, dann ist das schade, aber auch okay. Für viele ist Scheitern auch Ansporn, etwas Neues zu probieren – vielleicht eine Nummer kleiner.“

So sollten Gründer ein Scheitern als Chance sehen, als einen Umstand, der in der Gründerszene normal und durchaus hilfreich sein kann. Aus Fehlern lernt man. Ein abgenutzter Spruch, der in diesem Fall aber den Kern trifft. Auch so manches „große“ Unternehmen hat es nicht auf Anhieb beim ersten Wurf geschafft und musste immer dazu lernen. Paypal-Mitgründer Max Levchin bringt es auf den Punkt: „Das erste Unternehmen, das ich gegründet habe, ist mit einem großen Knall gescheitert. Das zweite ein bisschen weniger schlimm, das dritte ist wieder anständig gescheitert. Das vierte Unternehmen überlebte bereits. Das fünfte war dann PayPal“.

Als gescheiterter Gründer sollte man sich mehr mit sich und den Problemen des Unternehmens beschäftigen und analysieren, was genau falsch lief. Nur so kann der Gründer diese Fehler das nächste Mal vermeiden.

Man kann wieder aufstehen, wie das Beispiel Caterna zeigt. Das Health-Startup entwickelte eine Online-Sehschulung zur Behandlung von Sehschwäche bei Kindern (Amblyopie). Es scheiterte im ersten Anlauf und musste 2012 Insolvenz anmelden. Im Fall von Caterna wurden die gemachten Erfahrungen genutzt. „Die alte Caterna war sozusagen ihrer Zeit voraus, das Go-to-market Modell war noch nicht ausgereift. Es herrschte eine große Skepsis, was innovative Technologien betraf“, erklärt der Geschäftsführer Michael Scherrer. Nun läuft eine Kampagne auf Companisto zur weiteren Finanzierung und hat mit Peppermint VenturePartners eine professionelle Venture-Capital-Gesellschaft als Investor gewonnen.

Andere Länder, anderer Umgang mit dem Scheitern

Wirtschaftspsychologe Michael Frese von der Leuphana-Universität Lüneburg forschte zu der Fehlerkultur verschiedener Länder. Verglichen hat er 61 Länder. Deutschland und Singapur landeten beim Umgang mit Fehlern auf den letzten Plätzen.

Doch nicht überall wird Scheitern als persönlicher Fehlschlag angesehen. In Israel oder den USA herrscht eine andere Gründerkultur, sowie ein anderer Umgang mit dem Scheitern.

In den USA, dem Startup-Hotspot schlechthin, sind die innovativsten und berühmtesten Startups im Silicon Valley zu Hause. Ohne Ambitionen und Risikobereitschaft der Gründer gäbe es diesen Hotspot so nicht.

„Viele neu gegründete Unternehmen überleben gerade einmal ein Jahr. Scheitern ist die Regel und nicht die Ausnahme. Doch wird Scheitern in den USA nicht als persönliches Versagen, sondern als Lernmöglichkeit interpretiert. Gründern muss die Angst vor dem Scheitern genommen und der Start in eine unternehmerische Zukunft erleichtert werden“,

so eine Analyse der Friedrich-Nauman-Stiftung. In den USA führt die Offenheit mit Fehlschlägen so weit, dass Failure Partys gefeiert werden.

In Israel wird es auch so gesehen. 

„Aus der Sicht der in Israel befragten Gründer und Unternehmer ist die gesellschaftliche Perspektive auf das Thema Entrepreneurship in Deutschland mehr mit den möglichen Risiken als mit den Potenzialen, die mit einer Gründung einhergehen, verknüpft. Scheitern wird in Israel weniger als ein Misserfolg, denn als ein Vorteil begriffen, da solche Erfahrungen wertvolle Erkenntnisse für zukünftige Gründungsvorhaben liefern können“, 

fand eine Studie zur Gründungssensibilisierung bei Promovierenden im deutschen Hochschulwesen der Falling Walls Foundation heraus.

Scheitern als Lernmöglichkeit. Was kann Deutschland tun?

Fehlschläge, wie eine Insolvenz, wird für einen Gründer als ein Makel angesehen, der seinen Schrecken verlieren muss. Wie kann das Scheitern in Deutschland positiver auslegt und so potentiellen Gründern die Angst genommen werden? Bestimmte Akteure können dazu einen Beitrag leisten.

An die Schulen und Hochschulen, oft Brutkasten für junge Menschen mit einer innovativen Idee: Bietet mehr Förderprogramme für angehende Unternehmer an! Damit kann bereits am Anfang an angehende Gründer eine Unternehmenskultur und –mentalität vermittelt werden, die Misserfolge als normal und als Lernprozess einstufen.

An erfolgreiche Gründer: Zeigt euch als Vorbild! Sprecht über eure Misserfolge und zeigt, dass dies nicht das Ende sein muss! Bei den sogenannten „Fuckup-Nights“ gibt es ein gemeinsames Verarbeiten des Scheiterns. Menschen, die gescheitert sind, erzählen auf einer Bühne, was sie erlebt haben: Jobverlust, Insolvenz oder ähnliche Lebensgeschichten. Und sie berichten davon, wie sie damit umgegangen sind. Ein gegenseitiger Austausch ist hier möglich. Auch der FDP-Politiker und ehemaliger Gründer Christian Lindner war schon dabei.

„Ich glaube, der Erfolg der ‚Fuckup-Nights‘ liegt darin, dass wir in Deutschland gesellschaftlich noch nicht so weit sind, offen übers Scheitern zu sprechen“, sagt der Leipziger Organisator Marco Weicholdt. „Jeder hat Krisen und man kommt wieder auf die Beine“, ist das Motto dieser Veranstaltungsreihe.

An die Medien: Schreibt mehr Erfolgsgeschichten, die für angehende Gründer als Ansporn dienen! Berichtet nicht immer nur über die Insolvenzen von Startups, so wie es oft üblich ist! Skandale und Fehltritte verkaufen sich besser, aber nehmt auch eure gesellschaftliche Verantwortung wahr!

Eine positive Nachricht ist allerdings, dass laut Startup-Monitor 2017 zwei von drei Gründer nach einem Scheitern wieder ein Startup gründen würden. Doch in der Summe gibt es hierzulande noch immer zu wenige mutige Menschen, die sich ins Abenteuer einer Unternehmensgründung stürzen. Von vielen Seiten kann mehr dafür getan werden, mehr Gründungen zu ermöglichen.

Denn neu gegründete Unternehmen schaffen nicht nur neue Innovationen und Technologien, sondern auch Arbeitsplätze für die deutsche Wirtschaft. Das beginnt mit einem grundlegenden Mentalitätswandel in Deutschland. Für angehende Gründer gilt: Weg von der Risikoaversion, hin zu mehr Mut zum Scheitern! 


 

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