von Cristin Liekfeldt

LegalTech erobert die Startup-Welt

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LegalTech erobert die Startup-Welt

Schon mal von LegalTech-Startups gehört? Kann tatsächlich auch das deutsche Insolvenzrecht digitalisiert werden? Gibt es vielleicht bald Online-Gerichte? Eine kleine Rundreise in einen Bereich, der vor allem Strukturen und Verwaltung revolutioniert - und den Verbrauchern dabei viel lästige Bürokratie-Arbeit erspart.

LegalTech - unspannend, grau, nichts für Menschen mit Staub-Allergie? 

LegalTech-Startups erkennen das Problem der Verbraucher

LegalTech ist die sprachliche und tatsächliche Verschmelzung von Legal (Recht) und Technologie. Deshalb sind die Startups, die unter den Begriff "LegalTech" fallen, solche, die Technologien, Werkzeuge und Software für die Bearbeitung von Rechtsfragen entwickeln. Dabei kann es sich zum Beispiel um Software handeln, die standardisiert Rechtsfragen untersucht, Urteile auswertet oder Schadensersatz-Ansprüche aus Bahnfahrkarten liest. 

Michael Bues interviewt auf dem Legal-Tech-Blog Fritz Mehler, den Gründer des Startups dasrecht.de. Der macht dabei folgendes klar: 

"Der Beruf des Rechtsanwalts hat traditionell einen besonderen Stellenwert in der Gesellschaft. Aber die meisten Menschen außerhalb unserer Profession machen sich keine Vorstellung davon, wie trivial und dilettantisch die Arbeit in den Kanzleien im Jahr 2016 hinter den Kulissen teilweise noch ist. Besonders im Bereich Dokumenterstellung und Analyse (Verträge, Testamente usw.) fallen Anspruch und Wirklichkeit eklatant auseinander. Nehmen wir einen Fachanwalt für Erbrecht, oder Notar: Der hat seine Standard- Beratung für ein Standard-Problem plus ein Repertoire von 10-15 Standard – Versatzstücken. Dieses Paket verkauft er Woche um Woche zum teuren Einheitspreis nach der Gebührenordnung und der Verbraucher merkt gar nicht, wie wenig Value er für sein Geld bekommt, da er die Rechtsberatung nur einmal in Anspruch nimmt."

Die Aufgabe des Rechtsanwaltes ist es, so Mehler, das Recht schwierig, bürokratisch und undurchschaubar darzustellen. 

"Wenn der Anwalt dem Verbraucher darlegen würde, dass sein Problem eigentlich nicht schwieriger als die Bedienung einer Spiegelreflexkamera ist, wäre dieser nicht bereit, mehrere hundert Euro zu zahlen." - Fritz Mehler, Gründer von dasrecht.de

Dagegen kämpfen jetzt die Startups aus dem Bereich "LegalTech" an. Und hier geht es um Schadenersatz, Entschädigungen bei Flug- und Bahnverspätungen oder andere Rechtsdienstleistungen zu einem festen, durchschaubaren Preis. 

Mithilfe des Internets möchten diese Startups das Rechtswesen transparent gestalten und die Angst vor Bergen von Formularen begraben. Und damit irgendwo auch den Beruf des Anwaltes entmystifizieren. Die BCC (Boston Consulting Group) veröffentlichte zum Einfluss der LegalTech-Startups die Studie mit Namen" How legal technology will change the business of law" (Wie Recht-Technologie den Wirtschaftsbereich "Recht" verändern wird). Darin wird deutlich, dass sowohl die Geschäftsmodelle, als auch die Organisationsstrukturen der Kanzleien und der Beruf des Juristen grundsätzlich hinterfragt und neu gedacht werden. Durch LegalTech werden Standard-Aufgaben von Anwälten und Juristen größtenteils automatisch erledigt werden können und der Kunde weiß, wofür er wirklich zahlt. 

Also schafft sich der Anwalt selbst ab? 

Fast alle LegalTech-Startups wurden von Rechtsanwälten gegründet. Da stellt sich schnell die Frage, ob sich der Anwalt nicht selbst abschafft. 

Der Geschäftsführer von Advotisement (eine Marketingagentur für Anwaltskanzleien), Patrick Prior, verneint dies: "In vielen Fällen geht es nicht darum Anwälten Klienten wegzunehmen, sondern es werden völlig neue Klientenfelder erschlossen. Wer zum Beispiel seinen Bescheid wegen eines Blitzers kostenlos online ohne viel Aufwand prüfen lassen kann, wird viel eher rechtlich aktiv, als wenn er erst zu einem Verkehrsrechtsanwalt gehen muss."

Was können Startups aus dem Bereich Recht also übernehmen und teilautomatisieren? 


- digitalisiert Massenverfahren organisieren: Ansprüche bei Verspätungen, Stornierungen oder Ausfällen von Flügen oder Zügen abwickeln 

(flightright.de oder WirkaufendeinenFlug.de kümmern sich um Entschädigungen bei Verspätungen oder Ausfällen von Flügen)

- Rückzahlungen durchsetzen (rechtohnerisiko.de, mineko.de)

- Immobilienkredite zurückfordern (bankright.de)

- Bußgeldbescheide prüfen (geblitzt.de)

- rechtsicher Verträge kündigen (aboalarm.de)

- rechtlich gültige Testamente erstellen (dasrecht.de)

- Hartz 4-Bescheide oder Abmahnungen prüfen (rightmart.de)

- Anwälte für spezifische Aufgaben vermitteln (advocado.de oder Anwalt.de)

- Tools entwickeln, die Teilinformationen aus Verträgen lesen und mittels Deep Learning Technologie auswerten (Lexalgo.com, oder knowledgetools.de)

und die Kommunikation zwischen dem Management von Geschäftskunden und Anwälten erleichtern (wie zum Beispiel auf der Plattform synergist.io).


Und bald werden unsere Konflikte vor Online-Gerichten ausgetragen? 

Bis dahin ist es wohl noch eine Weile. Der Vorschlag kommt erstmal aus Großbritannien. Wie auf dem Legal Tech Blog zu lesen ist, wird dort überlegt, einen "Online-Court", kurz OC, für Streitereien einzuführen, die bis zu 25 000 englische Pfund kosten. Das gesamte Verfahren soll dabei ohne Anwälte und online durchgeführt werden. Das Ziel der Digital-Reform ist hierbei die komplette Digitalisierung des britischen Gerichtswesens. 

Die Vorteile des Online-Verfahrens liegen auf der Hand: Das (einfache) Verfahren wäre schneller, man würde die Anwaltskosten sparen und die Parteien müssten nicht mehr alle physisch anwesend sein. Damit wären viel mehr Menschen der Zugang zum Rechtssystem vereinfacht. 

Allerdings gibt es auch ein paar Tücken: Die Wahrung der Grundrechte, des Datenschutzes und die Problemerkennung läge allein auf der Fähigkeit der Software. In Deutschland darf man außerdem nicht einfach Anwälte per se von einem Verfahren ausschließen. Die mündliche und schriftliche Verhandlung der Anwälte zählt in deutschen Gerichten zu den wichtigen Bausteinen der Rechtsfindung, so Mues. 

Dass aber eines Tagen Streitigkeiten per Online-Gericht ausgetragen werden, hält Michael Mues auch deshalb für wahrscheinlich, weil in den USA bereits 60 Millionen Streitigkeiten von Ebay bearbeitet werden. Das sind drei Mal so viele wie die Konflikte, die durch das amerikanische Rechtssystem geregelt werden.  In Deutschland sei die Zahl der Gerichtsprozesse außerdem rückläufig, da die Menschen aus Ärger über hohe Anwaltskosten oder lange Wartezeiten gar nicht erst den Gerichten ihre Konflikte zutragen.


Ich frage mich, wie es sich anfühlt, meinen Konflikt Websiten und Robotern zu erklären. Während ich auf der griechischen Insel Kos auf meinen Rückflug nach Berlin wartete, wurden alle Passagiere nach Düsseldorf darüber aufgeklärt, dass ihr Flug einen ganzen Tag Verspätung haben wird. In so einer Situation einfach ein Startup damit beauftragen zu können, die Entschädigung von der Airline einzufordern, ist schon außerordentlich bequem. Insbesondere dann, wenn der ganze Urlaub damit wieder refinanziert wird. Das kann durchaus vorkommen. Ob das aber tatsächlich einer der Passagiere in Anspruch genommen hat, kann ich nicht sagen. Kommt wohl darauf an, wie gut sie sich mit LegalTech- Startups auskennen. Den Companisto-Blog zu abonnieren, würde vielleicht helfen! :-) 


 

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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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