von Cristin Liekfeldt

Vom Zusammenhang zwischen Bildung und Entrepreneurship

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Vom Zusammenhang zwischen Bildung und Entrepreneurship

Startups gründen sich nicht von allein. Woher kommt der Gründergeist? Und was wird an den Universitäten für ihn getan?


Der Entrepreneurship 2020 Action Plan der Europäischen Kommission unterstreicht ausdrücklich: um Europa dauerhaft konkurrenzfähig zu machen, brauchen wir eine enge Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Bildung – Grund genug für mich, bei den Universitäten im Land mal die Spezialisten ans Telefon zu holen und nachzufragen, wie das genau aussieht. Was wird denn konkret für den Gründergeist getan?

Marcel Drescher von der Gründerwerkstatt neudeli und Marco Rösler von der Humboldt-Innovation GmbH haben mit mir gesprochen. Neudeli ist die Existensgründerberatung der Bauhaus-Universität Weimar, das Team besteht aus fünf festen Mitarbeitern, die coachen, Workshops organisieren und beraten. Ein perfekter Schnittpunkt von Wissenschaft und Wirtschaft. Ebenso an dieser Stelle steht die Humboldt-Innovation GmbH als 100%ige Tochter der Humboldt-Universität in Berlin. Das Team hier besteht aus 17 Mitarbeitern, die fünf Bereiche abdecken: Forschungsservice, Gründungsservice, Beratung, Weiterbildung und Vermarktung.


Die Gründerwerkstatt neudeli<p><br></p>
Die Gründerwerkstatt neudeli


Marcel, wie läuft das in Weimar ab, was macht ihr?

Marcel Drescher: Wir wurden 2001 im Rahmen einer breit angelegten Existensgründer-initiative gegründet. Man muss dazu sagen, dass die Bauhaus-Uni keine besonders große Universität ist, wir haben momentan 4.200 Studenten und vier Fakultäten – Medien, Bauingenieurwesen, Gestaltung und Architektur/ Urbanistik. Wir haben also einen ganz klaren Fokus auf Kreativwirtschaft. Wir vom neudeli sind in diesem Setting die Anlaufstelle für Gründungswillige und unterstützen von der Idee zu Prototypen: also besonders in der „Vorgründungsphase“. Wir haben dazu 16 Arbeitsräume in unserer Villa, die wir zur Verfügung stellen können.


Und bei euch, Marco? Ihr seid mit einem Team von 17 Mitarbeitern ziemlich gut aufgestellt, oder? Habt ihr so viel Bedarf?

Marco Rösler: Im Auftrag der Universität und als deren 100%-ige Tochter unterstützen und fördern wir Startups und Spin-Offs (Ableger) der Uni. Ein Geschäftsfeld der Humboldt-Innovation GmbH ist die Unterstützung von Ausgründungen der Uni, in Zusammanearbeit mit dem Service-Zentrum Forschung. Mit Beratung zur Geschäftsentwicklung und zur Finanzierung unterstützen wir die Startups in der Vorgründungsphase und auch darüber hinaus.Wir bieten in zwei Gründerhäuser in Adlershof und Mitte mittlerweile 100 Arbeitsplätze. Unser universitärer Hintergrund ist ziemlich breit gefächert – die HU Berlin hat über 100 Bachelor-Studiengänge und über 70 Master-optionen, aktuell studieren hier etwa 31.000 Studenten. Seit 2005 haben wir schon 64 Ausgründungen mit über 500 Arbeitsplätzen begleitet. Ja, ich würde schon sagen, dass es Bedarf gibt! (grinst)

Wie empfindet ihr denn den Gründergeist der Studenten? Wollen viele gründen?

Marco Rösler: Ich möchte behaupten, dass sich mittlerweile immer mehr Studenten/Absolventen eine Gründung als Berufsoption nach dem Studium vorstellen können. Die Nachfrage ist also gegeben, wobei viele auch erst nach ein paar Jahren als Angestellte diesen Weg einschlagen, wenn sie etwas Berufserfahrung gesammelt haben. Seit 2005 gab es bei uns 64 Gründungen mit einer survival rate von immerhin 91%. Das ist schon ganz ordentlich!

Marcel Drescher: Das empfinde ich genauso. Wie gesagt liegt der Schwerpunkt bei uns im kreativen Sektor, wir haben viele Einzelgründungen dabei. Insgesamt sind seit 2008 etwa 55 Ausgründungen erfolgt, damit wird bei uns innerhalb von Thüringen am meisten realisiert. Die Beratungsgespräche sind natürlich mehr, wie bei euch in der HU sicher auch, es gründet ja nicht jeder nach der Erstberatung. Die meisten der Gründungen sind auch noch aktiv, wobei sich leider manchmal der Kontakt zu den Gründern verliert, da wir wirklich die Frühphasen betreuen.


Innovation an der Humboldt Universität<p><br></p>
Innovation an der Humboldt Universität


Wie sieht die durchschnittliche Finanzierungsform der von euch betreuten Startups aus?

Marcel Drescher: Wir sind vom Bund mit dem EXIST-Gründerstipendium gefördert. Das heißt, wir können Startups mit bis zu drei Mitarbeitern 12 Monate lang mit je 2.500€ monatlich fördern. Dazu kommen noch 5.000€ Coaching-Mittel und 30.000€ Sachmittelbudget.

Marco Rösler: Diese Förderung nutzen die meisten unserer Gründerteams auch, in den sehr frühen Phasen eben. Für die Phasen danach kann ich das gar nicht so genau sagen, die Finanzierungen sind so unterschiedlich wie die Unternehmen selbst. Da ist von Bootstrapping, anderen Förderprogrammen auf Bundes- oder Länderebene, Crowdfinanzierung über Venture Capital und Business Angel alles dabei – je nach Motivation und Geschäftsidee der Gründer.


Damit gibst du mir eine perfekte Überleitung zur nächsten Frage – welche Kooperationen gibt es bei euch mit Unternehmen und Wirtschaft?

Marcel Drescher: Der Kontakt mit der Wirtschaft ist essentiell! Wir brauchen die aktuellen Infos, die für die jeweiligen Branchen relevant sind. Wir kooperieren deshalb eng mit der Wirtschaftsförderung, dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Unternehmen aus der Region wie Meissner, Bolte & Partner, der Stadt Weimar, Microsoft, startnext und der Aufbaubank Thüringen. Außerdem sind wir im Mitglied im Gründernetzwerk Thüringen und stehen natürlich in engem Kontakt mit den anderen Gründerhochschulen, wie der HU Berlin. (lacht)

Marco Rösler: Ja genau! Wir haben die Wirtschaftsförderung auch stets als engen Partner. Unsere ehemaligen Startups spielen dabei auch eine große Rolle. Zu einigen unserer Partner gehören die Berliner Sparkasse, das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie sowie für Bildung und Forschung, die High-Tech Gründerfonds, die Transfer Allianz und profund, um nur einige zu nennen.


Wir können also ein Häkchen beim Netzwerk setzen, eins bei der Kooperation mit Wirtschaft und Politik, was aber ist mit der Substanz: die Human Ressource. Wie kann man den Unternehmergeist fördern?

Marco Rösler: Unternehmergeist kann man nicht früh genug fördern. Im Elternhaus, in der Schule oder der Hochschule. Die praktische Ausrichtung des Studiums auf die Themen des Entrepreneurship finde ich sehr wichtig, vor allem aber auch im Hinblick auf die Verzahnung zwischen den Wissenschaftsdisziplinen. In den Hochschulen den Raum zum Ausprobieren zu geben, das voneinander Lernen in interdisziplinären Studiengruppen und die Inspiration durch Vorbilder halte ich für enorm wichtig, genauso wie die notwendigen finanziellen Mittel zum Durchstarten neuer Ideen.

Marcel Drescher: Da stimme ich zu. Den Unternehmergeist kann man zum Beispiel durch projektorientiertes Arbeiten von vorneherein fördern. Das wird in Weimar schon sehr gut umgesetzt – hier setzt jeder seine Ideen um, Auftragsarbeiten gibt es kaum noch und erwünscht ist das schon gar nicht. Man muss andererseits auch die Angebote schaffen, wie Marco auch schon erwähnt hat, interdisziplinäre Räume, einen Gründerstammtisch, ein Rahmenprogramm zur Verfügung stellen. Wir sind zum Beispiel auch schon bei Orientierungsveranstaltungen vor Ort um frühzeitig zu sensibilisieren. Vor allem muss man als Gründungsnetzwerk gute Arbeit leisten. Die Projekte und die Lust, so etwas selbst zu machen, verbreitet sich dann ganz von allein. Etwas praktisch umzusetzen ist einfach super wichtig, dabei muss man motivieren können und Barrieren abbauen, die Angst zu scheitern zum Beispiel.


Im Labor werden neue Startups entwickelt
Im Labor werden neue Startups entwickelt


Bleibt nur noch eine Frage: Wozu das alles? Sind Startups die Zukunft der europäischen Wirtschaft?

Marcel Drescher: Etwa 20% unserer Studenten sind international. Ich kann mir vorstellen, dass sie die Ideen mitnehmen und die Wirtschaft weiterbringen. Dazu ist eine nahtlose Anschlussfinanzierung allerdings wichtig. Und daran fehlt es uns noch.

Marco Rösler: Gute Frage. Das eine oder andere wird sicherlich die Zukunft sein und sicherlich werden Startups vor allem auch hierzulande zum digitalen Wandel in der Gesellschaft beitragen. Sie werden uns neue Diagnostik- und Therapieformen in der Medizin ermöglichen und uns das Leben noch angenehmer machen. Und dennoch: Die Zukunft bleibt das was sie ist, wie immer ungewiss. (grinst)

Mit diesem herrlichen Statement entlasse ich euch zwei und danke für das sympathische Interview!


Was muss getan werden, um den Gründergeist schon früh zu fördern? Schreibt mir gern eine Nachricht oder einen Kommentar! Was können wir für einen Entrepreneur-Spirit tun?


Fotos: © Humboldt-Innovation, neudeli Gründerwerkstatt


 

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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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