von Jana Biesterfeldt

Wie sexistisch ist die Venture-Capital-Branche?

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Wie sexistisch ist die Venture-Capital-Branche?

Unangenehme Blicke, unangemessenes Berühren oder anzügliche Sprüche. Sexismus im Alltag oder im Beruf. Keiner kommt an diesem Thema vorbei – für manche Frauen ist es ein alltägliches Problem. Die Debatten #Aufschrei und #metoo bestimmten die Schlagzeilen.

Eine genaue Definition von Sexismus ist schwierig. Grundsätzlich beschreibt Sexismus die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts einer Person, ausgehend von der Sichtweise dass Frauen und Männer einen ungleichen sozialen Status haben. Sexismus geht zumeist von Männern gegenüber Frauen aus, dennoch sollte man den Sexismus gegen Männer nicht unerwähnt lassen.

Belästigung am Arbeitsplatz. Nicht nur im Silicon Valley, auch in Deutschland ist Sexismus in der Startup-Szene weit verbreitet. Dies äußert sich vielseitig: Von Kommentaren oder Witzen berichten demnach 54 Prozent der befragten Startup-Mitarbeiterinnen. 44 Prozent wurden „unangemessen angestarrt“. Ein Drittel der Frauen in Startups erfuhren unerwünschte Berührungen, ein Fünftel wurde gegen den Willen geküsst. 27 Prozent gaben an, Mails mit sexuellen Inhalten bekommen zu haben.

Sexismus in einer Männerdomäne

Doch nicht nur in Startups gibt es Probleme mit Sexismus.

Schon 2014 warf ein anonymer Bericht im Forbes Magazine „Surviving Sexism As A Female Founder“ ein schlechtes Licht auf die Venture-Capital-Branche und deren Tendenz zum alltäglichen Sexismus. 2015 verlor Ellen Pao ihre Klage gegen die VC-Firma Kleiner Perkins Caufield, in der sie ihrem Arbeitgeber Geschlechterdiskriminierung vorwarf und als Grund dafür Rache für das Zurückweisen sexueller Annäherung ihrerseits sah.

Sexuelle Annährungen, Anspielungen und Angebote gegen Gründerinnen seitens Kollegen aber auch potentieller Investoren sollen nicht die Ausnahme sein.

Viele Gründerinnen teilten seitdem ihre Geschichten, wie sie von Venture-Capital-Gebern mehr als Objekte der Begierde statt einer Investmentmöglichkeit gesehen wurden.

In einem Artikel in der New York Times äußerten sich zwei Dutzend US-amerikanische Frauen aus der Tech-Branche über sexuelle Belästigung und benannten unter anderem prominente Wagniskapitalgeber, wie Chris Sacca oder Dave McClure (500 Startups). Co-Gründer von Binary Capital und Investor, Justin Caldbeck, verließ die Firma nachdem publik wurde, dass er sich über Jahre hinweg Gründerinnen sexuell genähert und unangebrachte nächtliche Nachrichten verschickt hätte.

Unternehmen, die mit diesen Investoren arbeiteten, bedauern es sich nicht eingemischt zu haben. Und manche der Männer in der Branche erkannten – nach der Bekanntgabe – ihr fehlerhaftes Verhalten.

So kam es zu einer öffentlichen Entschuldigung von Chris Sacca, berühmter Investor von Twitter, Uber und Instagram. Nachdem er gehört habe, was Frauen in der Tech-Branche erfahren müssen, habe er ein besseres Verständnis für diese Thematik und entschuldigte sich für sein passives Verhalten. Auch das alltägliche Verhalten, nicht immer die offensichtlichen Taten, mancher Männer in der Branche mache das Leben der Frauen schwer, entschuldigte sich Sacca weiter.

Männlichkeit und Abhängigkeit

Die VC-Branche ist eine Männerdomäne. Die meisten Investoren sind Männer – es gibt wenige weibliche Investoren. Dementsprechend sind es Männer, die man als Startup-Gründer überzeugen muss, wenn man Unterstützung braucht. Das Hauptproblem ist die entstehende Abhängigkeit. Viele betroffene Frauen schweigen. Sie fürchten Probleme für sich und ihr Geschäft, sollten die Männer ihre Macht als Investoren ausnutzen.

Für Wissenschaftler folgte aus diesen Sexismus-Erzählungen, dass es auch im Bildungsbürgertum Sexismus gibt. Laut der Professorin des Rechts Joan C. Williams an der University of California, Hastings College of the Law, bestehe in der VC-Szene eine Art Wettbewerb der Männlichkeiten. Männern aus dieser Branche sei es sehr wichtig sich gegenseitig zu übertrumpfen: Wer hat den besten Deal? Wer hat das meiste Geld? In dieser männergeprägten Szene sei der Wunsch des Beweises der Männlichkeit ausgeprägter, so Williams. Dieses Verhalten führe geradewegs zum Ausnutzen ihrer Machtposition.

Daher hört Sexismus in der VC-Szene nicht bei sexuellen Anspielungen oder Annäherungen auf, sondern geht bis zur geschäftlichen Benachteiligung von Frauen.

Nicht nur Sex

Sexismus hat viele Ausprägungen. Die Benachteiligung von Frauen aufgrund ihres Geschlechtes äußern sich im Venture-Capital auch auf andere Weise.

Vorweg ist festzuhalten, dass Frauen weniger Wagniskapital erhalten als Männer. In den USA erhielten im Jahr 2016 Startups mit männlichen Gründern 58 Milliarden Dollar, Gründerinnen gerade einmal 1,46 Milliarden Dollar. Andere Studien belegen, dass Gründer im Durchschnitt 52 Prozent der geforderten Investitionssumme bekommen, weibliche hingegen nur 25 Prozent.

Zu diesem Thema wurden bereits mehrere wissenschaftliche Studien durchgeführt. Diese geben uns überraschende Antworten darüber, warum dies in der Branche der Fall ist.

Zum einen finden andere Gespräche zwischen den Gründern und Investoren statt. Eine Studie des Harvard Business Review machte deutlich, dass Frauen andere Fragen gestellt werden. Männer werden nach dem Potenzial für Gewinne, Frauen nach dem Verlust-Potenzial des Unternehmens gefragt. Auffällig ist dabei, dass sowohl männliche als auch weibliche Investoren diese geschlechterspezifischen Fragen stellten.

Schwedische Wissenschaftler versuchten dem Problem weiter auf den Grund zu gehen. Sie starteten eine Studie, welche sich auf die Sprache der Investoren konzentrierte, die diese in Bezug auf die Gründer benutzten.

Sie fanden heraus, dass in der Tat unterschiedlich über Gründer und Gründerinnen gesprochen wurde. Jungen Gründern wurde ihr Alter positiv ausgelegt, bei Gründerinnen wurde es als Schwäche empfunden. Gründerinnen, die als vorsichtig eingestuft wurden, galten als „zu wenig waghalsig“, vorsichtige Gründer als vernünftig. Dem Klischee entsprechend wurde bei Frauen das Aussehen mitbewertet, bei Männern nicht. Zudem wurden Frauen Eigenschaften zugeschrieben, die sich nachteilig auf ihre Unternehmerfähigkeiten auswirken könnten. Deren Glaubwürdigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Erfahrung und Wissen wurden aufgrund dessen in Frage gestellt.

Fazit der Studie: Der optimale Gründer ist laut Wagniskapitalgebern ein Mann, keine Frau. Ein Problem, wogegen Gründerinnen kaum gegensteuern können.

Was kann die Branche tun?

Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma? Die Branche kann sich verändern. Wenn sie will.

Im US-Online-Magazin Medium macht die Mitbegründerin einer VC-Firma Claudia Iannazzo klar, dass im Venture-Capital-Bereich der Frauenanteil seit Jahrzehnten zurückgehe. Weniger als 7 Prozent der Partner in diesen Firmen seien Frauen.

Eine Gründerin einer Online-Shopping-Plattform, Jessica Martino, bemerkte auf ihrer Suche nach Finanzierung, dass die männlichen Investoren sich nicht wohlfühlten, ein Geschäft zu beurteilen, welches sich primär an Frauen richtet.

Ein Ratschlag von Elizabeth Gore and Carolyn Rodz, Gründerinnen von Circular Board, im US-Magazin Inc. an die VC-Branche ist dafür: Mehr Geld investieren – in Gründerinnen. Außerdem sollten mehr Frauen in die Venture-Capital-Branche rekrutiert und ausgebildet werden.

Sind mehr Frauen in der Branche die Lösung?

Mehr Frauen in die Venture-Capital-Branche zu bringen würde auf jeden Fall mehr Diversität in der Investmentlandschaft sorgen. Es kann zu mehr Investitionen in weiblich gegründete Startups mit weiblichen Themen und anderen Geschäftsmodellen führen, für die sich Männer eher weniger interessieren. Miriam Wohlfarth, Gründerin von RatePAY, unterstützt diese Vermutung. 

„Es ist schon auffallend, dass ich bei meiner Recherche vor allem auf Gründerinnen gestoßen bin, die sich mit Mode, Wohnen, Kochen oder Kunst beschäftigen. Männer finden da durchaus andere Dinge interessant als Frauen. Gäbe es mehr Frauen auf der Investorenseite, würden einige Geschäftsmodelle unter Umständen anders betrachtet.“

Frauen können die Zukunft in ihrem Sinne und nach ihren Vorstellungen mitgestalten. Frauen sollten die Möglichkeit haben, aktiv neue Technologien und Unternehmen zu fördern und damit gleichzeitig für mehr Diversität zu sorgen.

So könnte man Veränderungen im Kleinen auslösen. Es ist nicht die ideale und alles verändernde Lösung, aber ein Anfang. Weiterhin sollten Frauen mutig an die Öffentlichkeit gehen  und Männer sollten die Frauen dabei unterstützen.


Wie kann sich die Venture-Capital-Branche in dieser Hinsicht noch verändern? Diskutieren Sie mit uns!


 

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