von Cristin Liekfeldt

Die Herrschaft der Maschinen

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Die Herrschaft der Maschinen

Das Labor ist einfach, steril, aufgeräumt. Schmutzig-graue Wände, kahl, funktional. PR2 steht vor einem braunen Regal mit offenen Fächern. In einem liegt ein kleines Paket. PR2´s Aufgabe ist es, das Paket aus dem Regal in einen Eimer zu transportieren. Wäre er etwas mehr Mensch, würden ihm sicher die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Es surrt, Arm nach vorne, anhalten, nach rechts bewegen. Anhalten. Es surrt wieder, hineingreifen, zupacken. Herausfahren, festhalten, zum Eimer fahren, loslassen. Schweißperlen abwischen.

PR2 ist Roboter an der University of California, Berkeley. Seine Erfinder versuchen ihm beizubrigen, selbst zu denken. Pieter Abbeel ist einer dieser Trainer und erläutert:

"Wir arbeiten unter anderem daran, PR2 beizubringen, in Situationen zu agieren, sie zu begreifen, in denen er noch nie war. Momentan bereiten wir ihn für einen Amazon Warehouse Wettbewerb vor. Konkret soll er Seifenpakete aus dem Regal nehmen. Aber die Fähigkeit, die wir eigentlich erreichen wollen, ist die Fähigkeit des Erkennens und Anpassen der "richtigen" Handlungsweise. So, dass wir tausende neue Produkte ins Spiel bringen und PR2 leicht erkennt, wie es sie zu packen hat und was mit ihnen zu tun ist."

Artificial Intelligence (Künstliche Intelligenz, KI ) oder kurz AI interessiert die Menschheit schon lange. Erinnert ihr euch an Terminator, A.I., Matrix oder I, Robot? Filmemacher verarbeiten die Ahnung der Singularität (Singularity) - dem Zeitpunkt, in dem die künstliche Intelligenz sich selbst derart optimiert und weiterentwickelt hat, dass die Zukunft der Menschen nicht mehr vorherzusagen ist - in ihren Filmen. Posthumanismus nennt man das auch - nach dem Menschen. Wie viel Zeit bleibt uns bis dahin noch? Dreißig, vierzig, fünfzig Jahre?

Aber lasst uns von vorne anfangen.

Der Versuch, künstliche Intelligenz zu erklären, bringt einen schnell zu einigen essentiellen, hochphilosophischen Fragen: Was ist eigentlich Intelligenz? Was ist Bewusstsein? Und was unterscheidet künstliche von menschlicher Intelligenz?

Intelligenz im allgemeinen, psychologischen Verständnis, ist die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Das heißt, zur Intelligenz gehört die Fähigigkeit zur Wahrnehmung, zur Aufmerksamkeit, etwas zu erinnern, ein Problem zu lösen, kreativ zu sein, sich etwas vorstellen zu können, planen zu können. Außerdem ist auch die Erinnerung und die Einsicht in sich selbst oder Emotionen Teil der Intelligenz. Mit diesem groben Abriss lässt sich zunächst arbeiten, alles andere sprengt den Rahmen. Aber wir sollen darüber diskutieren, denn das Thema ist wirklich hochspannend!

Künstliche Intelligenz ist ebenso wie die Intelligenz mäßig definiert. Ganz generell ist KI in der Informatik anzusiedeln und befasst sich mit der maschinellen Nachbildung einer Intelligenz, also die Fähigkeit, als Roboter selbstständig Probleme lösen zu können. Es gibt dabei die Unterteilung in starke und schwache Künstliche Intelligenz. Die starke KI bedeutet die Schaffung einer Intelligenz, der genau wie der Mensch kreativ Lösungen für sämtliche Probleme finden kann. Schwache KI dagegen hat ein weniger ambitioniertes Ziel: Sie befasst sich immer mit einem konkreten Problem und simuliert mithilfe von Algorithmen intelligentes Verhalten.

PR2 ist so eine schwache künstliche Intelligenz. Er ist so programmiert, dass er lernen kann. Und auf diesem Gebiet haben die Menschen in den letzte Jahren einiges erreicht.

Wie weit ist eigentlich die Entwicklung der AI schon vorangeschritten? Was können Roboter bereits?

In den letzten zwei Wochen verbreitete sich ein Video von Boston Dynamics im Netz. Darin wird der neue Atlas gezeigt, ein humanoider Roboter, der durch Sensor- und Kamera-Technik selbstständig laufen und dabei Unebenheiten im Boden ausgleicht. Hier ist das Video:



Atlas wird am Ende des Videos immer wieder von einem seiner Entwickler daran gehindert, seine Aufgabe zu erfüllen. Schließlich sogar umgeworfen, er landet auf dem Bauch. Aber Atlas steht sogar von selbst wieder auf, öffnet die Tür und verlässt den Raum, um weiteren Konfrontationen aus dem Weg zu gehen.

Die Schaffung Künstlicher Intelligenz ist wohl die größte Herausforderung der Menschheit, das Gehirn das komplexeste System, das wir kennen. Es gibt Roboter, die Spitzenspieler in Spielen wie Schach oder Go (ein asiatisches Spiel, das zum Teil intuitiv gespielt und daher sehr schwer zu berechnen ist) schlagen. Sie können Pfannkuchen in der maschinellen Fertigung auf dem Fließband nach Mängeln sortieren. In einem Affentempo Batterien verpacken. Sie können Dinge werfen und wieder auffangen, Siri versteht menschliche Sprache. Roboter parken unsere Autos ein, Googles selbstfahrendes Auto fuhr 2015 erstmal autonom. Computer analysieren unsere Daten, filtern Bilder und können Gesichter erkennen.

Tactical Robotics aus Israel entwickelte eine Krankenwagen-Drohne, die das Ziel selbstständig lokalisiert und den Krankentransport in Kriegsgebieten beinahe allein managt. Und Computer sind besser im Pingpong als jeder Mensch der Welt. Nur eines können sie eben bisher noch nicht: stark künstlich intelligent denken. Ihr gelerntes Wissen kognitiv auf andere Bereiche übertragen. Ein Schachcomputer wird Schach spielen, ein Laufroboter laufen, aber nicht Jeopardy spielen oder Handtücher falten.

Wenn Roboter künstliche Intelligenz erreichen, haben wir Menschen ein ernsthaftes Problem.

Angenommen, in dreißig Jahren gelingt die Schaffung einer starken KI. Das ist gar nicht so realitätsfremd, in einem Video des Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum) spricht Andrew Moore von der School of Computer Science davon, dass Computer mittlerweile in der Lage sind, Mimik und Gestik zu verstehen. Das, so ist ein Fortschritt, der gerade die Forschung durchdringt. Computer gewannen in 2015 auch im Poker, nicht nur in einem emotionslosen Spiel wie Schach. Und hier geht es um die Täuschung der Gegenspieler. Und diese allgemeine Intelligenz ist eben das, was uns das Fürchten lehrt.

Sogar Elon Musk, der mit seinem Tesla und der Firma Spacex nun ganz und gar nicht als anti-innovativ bezeichnet werden kann, sagt in einem Beitrag von PBS NewsHour:

"Ich denke, wir sollten beim Thema Künstliche Intelligenz sehr vorsichtig sein. Wenn ich raten sollte, welches die größte Bedrohung unserer Existenz ist, dann genau das. Mit künstlicher Intelligenz schauen wir dem Dämon mitten ins Gesicht."

Was also, wenn Siri, die heute nicht wirklich versteht, was man sie fragt, anfangen würde, die Frage im Kern zu verstehen? So ewas gibt es schon, Software, die zum Beispiel die AGB und seitenlange Rechtsvorschriften liest und versteht. Wenn also Siri nun jedes Gespräch, jede Email, jede Nachricht und jedes Telefongespräch wirklich versteht?

Zum einen ein brillianter persönlicher Assistent, der wirklich alles weiß, was der Mensch je geschrieben hat und ihn durch die Welt navigiert. Zum anderen könnte es das schlimmste Überwachungssystem aller Zeiten werden. Stellen wir uns einmal weiter vor, die intelligente Siri verbindet sich über das Internet, in jedem Winkel der Erde, mit anderen Programmen, Software und Robotern. Was würde sie alles können?

Sie weiß alles, kennt jede mathematische Formel, die je erstellt wurde, hat alle wissenschaftlichen Bücher gelesen, die es digital gibt, kennt unsere Alltage, Zugangsdaten, Passwörter für Atomkraftwerke oder Militärstationen. Wasser- und Stromversorgung, Nahrungsmittelzugang, Kommunikation - kann durch sie gesteuert werden. Und dann haben wir den Salat.

Pieter Abbeel, der Wissenschaftler der California University und "Betreuer" von PR2 schätzt die Zukunft künstlicher Intelligenzen in unserem Alltag noch in weite Ferne. Doch es gibt einzelne Durchbrüche, die anderes vermuten lassen. Am 15 Juli 2015 titelte die Wissenschaftszeitung New Scientist: "Roboter besteht Selbst-Bewusstseins-Tests". Drei humanoide Roboter wurden jeweils auf den Kopf getippt, zwei erhielten das Signal, zu schweigen, einer eines ohne Bedeutung. Jetzt sollten die Roboter herausfinden, wer von ihnen nicht das Signal zum Schweigen bekam. "Welchen Befehl bekamst du?" ist die Frage. Einer der drei Roboter steht auf und sagt: "Ich weiß es nicht. Entschuldige, ich weiß es nicht. Ich habe gerade herausgefunden, dass ich nicht den Schweige-Befehl bekam." (Video ab 2:14min)



Ist das schon Bewusstsein?

Immerhin hat der kleine Roboter erkannt, dass er spricht, seine eigene Stimme gehört und verstanden, dass dies der ursprünglichen Frage zuzuordnen ist.


DeepMind, eine weitere von Google gekaufte Firma, stellte gerade ein Lernsystem vor, das wie ein Neugeborenes keinerlei Vorprogrammierungen hatte. Sie setzten es vor den Bildschirm eines Videospiels. Sein einziges Ziel war es, so viele Punkte wie möglich zu machen. Es weiß nichts von dem, was auf dem Bildschirm passiert, kennt keine Zeit, keinen Raum oder dass es dort sich bewegende Objekte gibt. Innerhalb von vier Stunden war es in der Lage, alle Spiele auf dem höchsten menschlichem Niveau zu spielen. Dazu gehören taktische Spiele, Ballerspiele, Autorennen und Wimmelbilder. "Google selbst weiß nicht so ganz, wie das Programm funktioniert", so Stuart Russell, Professor of Computer Science an der University of California, Berkeley.

Der Mensch als Maschine oder Maschine ohne Mensch?

Es wird gelingen, eine künstliche Intelligenz zu erschaffen. Irgendwann. Wahrscheinlich in einer verscharrten und versteckten Militärbasis irgendwo in der Wüste von Amerika. Und dann - was?

Wird die intelligente Maschine dem Menschen helfen, seine Defizite auszugleichen? Oder wird sie erkennen, dass der Mensch die Ursache ist, weshalb der Planet, auf dem er lebt, zugrunde geht und ihn beseitigen?

Wenn Hugh Herr auf die Bühne zu einem der TED Talks tritt und über Bionik und die Fusion von Mensch und Maschine redet, ist seine Stimme etwas brüchig, die Botschaft jedoch klar. Menschliche Limitation wird beendet. Seine Beine wurden nach einem Kletterunfall amputiert.

"Aber ich sah meinen Körper nicht als kaputt an. Der Mensch kann nicht kaputt gehen. Maschinen gehen kaputt."

Hugh Herr ist ab den Oberschenkeln Maschine. Er entwickelte Prothesen, die ihn zurück zum Klettern brachten. Prothesen mit Spikes, sodass er Eiswände hinaufklettern konnte. Prothesen mit schmalen Metallenden, die er in jede Felsspalte drücken konnte, besser als jeder biologisch vollständige Mensch. Heute, 30 Jahre später, ist er Leiter am MIT Media Lab für Biomechanik. Was er will, ist die Brücke schlagen, zwischen Fähigkeit und Unfähigkeit, zwischen menschlicher Limitation und menschlichem Potenzial. Er baut an neuronalen Verknüpfungen und Sensoren, sodass man nur noch denken muss, zu laufen und man läuft. Wie ein normaler Prozess.

Ist das vielleicht unsere Chance? Dass Maschinen kaputt gehen können?

Yvonne Hofstetter, Unternehmerin und KI-Spezialistin, stellt solche neuronalen Systeme selbst künstlich her und schrieb in ihrem Buch "Sie wissen alles" über die Gefährlichkeit der Künstlichen Intelligenz. Gegenüber der Zeit beschreibt sie ihr pessimistischstes und optimistischstes Urteil über unsere Zukunft so:

Wenn sich alles zum Schlechten entwickelt, dann werden intelligente Maschinen unsere Zukunft so sehr vorherbestimmen, dass der Mensch seine Entscheidungsfähigkeit verliert.

Im anderen Fall: Intelligente Maschinen werden uns bei der Arbeit unterstützen. Wir können viele Entscheidungen endlich auf informierterer Grundlage treffen. Trotzdem muss gelten, dass wir gegenüber den Maschinen das letzte Wort behalten. Wir müssen sie abschalten können. Das ist oft gar nicht vorgesehen, denn die Optimierung unseres Alltags, die uns intelligente Maschinen versprechen, setzt die ununterbrochene Überwachung unseres Lebens voraus.

Und wenn die Maschine fragen wird, wieso wir das Recht haben, sie abzuschalten? Wenn PR2 auf einmal keine Seifenpäckchen aus Regalen einsortieren will?


Ich bin höchst gespannt auf eure Meinungen!


 

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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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