von Cristin Liekfeldt

Europas Gründerszene

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Europas Gründerszene

Wie könnte es anders sein – auch im Bereich der Startup-Szene kommt man nicht am Vergleich mit den USA vorbei. Hier taucht ein Name auf: Peter Thiel, US-Investor mit deutscher Herkunft. „Die Europäer sind für ihn unkonkrete Pessimisten, die den Niedergang für unvermeidbar halten. Sie können nur abwarten und währenddessen können sie das Leben genießen, das ist auch ein Grund für die Freizeitmentalität der Europäer.“, zitieren ihn die Netzpiloten.

Ist das so? Dass Facebook und Uber nicht aus Europa kommen, liegt an der Mentalität? Also ich weiß ja nicht. Wer die einen oder anderen Gründer hierzulande kennt, würde eher nicht von freizeitlustigen Nebenbei-Jobbern sprechen, oder doch? Was könnten demzufolge Gründe für die Unterschiedlichkeit des europäischen und des amerikanischen Marktes sein?

Es gibt keinen einheitlichen europäischen Markt wie in den USA

Zum einen kann man nicht von einem einheitlichen europäischen Markt sprechen, sind sich Vertreter aus Politik, Wirtschaft und auch die Gründer einig. Udo Bub, Mitgründer des ICT Labs des European Institute of Innovation and Technology, wurde vom Netzpiloten Helge Denker befragt und bestätigt: „Ein Problem in Europa ist allgemein, dass man zwar von einem einheitlichen europäischen Markt spricht, der aber in Wirklichkeit sehr fragmentiert ist. Wir haben unterschiedliche Kulturen, Sprachen, Währungen, Gesetze und darum ist eine Internationalisierung so schwierig. Wenn ein Unternehmen hier in Deutschland eine Idee hat, überlegen sie es sich dreimal, ob sie damit nach Frankreich oder Italien gehen.“ Auch das Goethe Institut stellt Unterschiede fest, explizit zwischen Frankreich und Deutschland. Die Gründerinnen von Leetchi (Celine Lazorthes) und DaWanda (Claudia Helmig) kommen zu Wort. Bei der Expansion in das jeweils andere Land stellten beide individuelle Schwierigkeiten fest: das französische Leetchi (eine Plattform für privates Crowdfunding für beispielsweise Junggesellenabende) brauchte besonders viel Marketingbudget, um die skeptischen Deutschen zu überzeugen und führten neben der Kreditkarte extra für sie andere Zahlungsmittel ein, das deutsche DaWanda (ein Marktplatz für selbstgemachte Produkte, Material und Designobjekte) stellte fest, dass die Arbeitspolitik in Frankreich anders gehandhabt wird: während sich die Verkäuferinnenschicht hierzulande oft aus Müttern in Elternzeit zusammensetzt, bleiben Französinnen nur ein paar Monate zu Hause und werden dann nicht zu DaWanda-Kreativen.

Kein europäischer Markt aber ein europäisches Problem
Kein europäischer Markt aber ein europäisches Problem

Kein europäischer Markt – aber ein europäisches Problem

Neben den unbestreitbaren kulturellen Unterschieden, die auch Mentalitäten beinhalten, teilen sich die europäischen Entrepreneure dennoch einen zentralen Problemkomplex: Die Kapitalbeschaffung. Europa ist noch immer eine Industrie. Ich würde in diesem Kontext empfehlen, euch das Video des Presseclubs der ARD vom 16.08.15 anzusehen. Europa hat keine Investoren-Kultur wie Amerika. Die Business Angel-Landschaft ist relativ überschaubar, die Bereitschaft zu Risikoinvestments immer noch bescheiden. Umgangssprachlich formuliert: Ob in Spanien, Frankreich oder Polen – ohne Moos ist nirgendwo was los.

Die EU hat das Problem erkannt, es gibt zahlreiche Unternehmungen aus der Politik und der Privatwirtschaft, um den europäischen Markt zu einem einheitlichen, kooperierenden System zu machen, der dem amerikanischen gegenüber wettbewerbsfähig wird. 2013 legte die Europäische Kommission den „Entrepreneurship 2020 Action Plan“ vor und fand mit Neelie Kroes als EU Commissoneer für Digitales ein Aushängeschild für die neue, zukunftsgewandte Digital-Strategie. Durch die Arbeit in drei Bereichen soll die Metamorphose Europas gelingen: aus der durch die Wirtschaftskrise gebeutelten, zerstückelten Landschaft in ein blühendes, vernetztes Entrepreneur-El Dorado.

Dafür soll

1. Die Bildung auf real-unternehmerisches Denken und Handeln ausgerichtet werden.

2. Die richtige „business environment“ geschaffen und

3. Durch Vorbilder und best-practices Anreize geschaffen und eine Motivation initiiert werden.

Es ergibt sich: ein Wachstum von 400 Milliarden Euro, viele, viele, viele neue Jobs und der Ausbau des Mittelstandes (Small and Medium Size Businesses). Genauer nachzulesen ist alles unter dem Namen Entrepreneurship 2020 Action Plan.


Wie sieht das denn jetzt konkret aus?

Ein paar Beispiele. Grenzen sollen abgebaut werden: Kaufverträge und Verbraucherschutz sollen aufeinander abgestimmt werden und Paketdienste zur Zusammenarbeit „überredet werden“ (das heißt: ihre Preise senken, um den EU-Handel attraktiver zu machen). Das würde den Online-Handel erleichtern. Stichpunkt Verwaltung: auch hier sollen die Wege kürzer werden, indem man beispielsweise ein einheitliches europäisches Datenschutzrecht einführt. Außerdem soll das Geoblocking vermieden werden, sodass die Kunden nicht länderspezifische Preise zahlen müssen und die Preispolitik generell transparenter wird. Nicht zu verachten sind außerdem die mit der Digitalen Agenda einhergehenden finanziellen Aufwendungen. Unter der Aufsicht der Europäischen Kommission schreiben „Beschleuniger“ – Accelerator, Inkubatoren, Forschungseinrichtungen und kleinere Internetunternehmen- eigene Programme aus, im Gesamtwert von immerhin 80 Millionen Euro. Welche genau das sind und in welchen Bereichen sie Startups fördern, findet man unter der Firware-Seite.

Bleibt das Problem der richtig großen Investoren. Vielleicht erkennt ja jemand einen Bekannten auf der aktuellen Forbes Liste wieder und mag ihn mal ansprechen, da sind ja durchaus auch Europäer dabei. Das nennt man dann den Crowd-Effekt.

Übrigens, interessiert an spannenden Startups aus Europa? Ich habe da mal auf Geektime.com/startups nachgeschaut und festgestellt, dass gerade in einigen Ländern Europas wie Estland oder dem etwas stiefmütterlich behandelten Litauen, aber auch in vielen anderen Gegenden überraschende und innovative Ideen geboren werden. Guckt doch einfach mal rein.

Für mich ist das immer, wie einmal mit dem Startup-Parfüm besprüht werden. Zusammensetzung: Eine gute Portion Überzeugung, Energie, viel Durchhaltevermögen, etwas Spritzigkeit und einen Hauch Beharrlichkeit: Automatisch sitze ich etwas gerader und habe das Gefühl, die Faust zu ballen und laut und energisch „Ja! Weiter so!“ zu sagen.


Foto: © Metropolico.org/ flickr


 

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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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