von Cristin Liekfeldt

Starten in Amsterdam

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Starten in Amsterdam

Die niederländische Hauptstadt mit mehr Fahrrädern als Einwohnern (etwa 881.000 Fahrräder auf 799.442 Einwohner), 4 Drehorgeln und 178 vertretenen Nationalitäten hat auch Startup-technisch einiges auf dem Kasten. 

1143 Startups und 136 Investoren finden sind in Amsterdam, so die Amsterdamer Startup-Map. Frei nach dem Motto: 

Een goed begin is het halve werk. (Ein guter Anfang ist schon das halbe Werk.) 

wird hier weiterhin daran gearbeitet, die besten Startbedingungen für dynamische Gründer zu schaffen. Die Voraussetzungen dafür sind wirklich nett anzusehen. Aufgrund des seit Jahren international ausgerichteten Bildungssystems sprechen die Niederländer mit das beste Englisch Europas, der Dienstleistungssektor ist mit über 75% Anteil der größte Zweig der niederländischen Wirtschaft und mit 42,7 Jahren im Durchschnitt sind die Niederländer jünger als wir in Deutschland, Italien, Spanien, Portugal, Griechenland oder Österreich (Stand 2015, Statista).

Die Niederländer gelten seit jeher als friedliches, liberales Völkchen. Sowohl im ersten als auch im zweiten Weltkrieg versuchten sie eigentlich, neutral zu bleiben, führten als erste Nation die Legalität für kleine Mengen von, sagen wir, bewusstseinserweiternden Substanzen ein und "erlaubten" ebenfalls als erstes Land der Erde 2001 die gleichgeschlechtliche Ehe. Die Trennung von Kirche und Staat verlief hier sogar ohne Unruhen, man achtet auf politische Korrektheit. 

Je weniger Vorurteile, No-Gos, Ablehnungshaltungen und traditionelle Tabu-Gebiete in einem Menschen tief verankert sind, desto besser kann er frei denken, kreativ sein, neue Fragen denken und unkonventionelle Antworten finden. Und dann diese Lösungen in neue Unternehmen umsetzen. 

“Amsterdam ist eine natürliche Testumgebung für Startups. Wenn es hier funktioniert, dann funktioniert es überall."   Bas Beekman, Gründer von Amsterdam Made und Öffentlichkeitsbeauftragter von StartupAmsterdam

Startups und Brutstätten


Angefangen hat wohl alles mit zwei Unternehmen: TomTom und Booking.com. Mit diesen beiden Firmen erwachte die Startup-Szene zum Leben. Das bedeutet nicht, dass es vorher kein Entrepreneurship gab, ganz im Gegenteil, die Strahlkraft von Innovation und Neuheit war den Niederländern schon lange bekannt. Doch brauchte es für eine richtige Startup-Kultur noch ein oder zwei Erfolgsgeschichten nach der Dotcom-Blase.

TomTom, Marktführer für Navigationslösungen, GPS-Geräte und -Uhren, hat mittlerweile über 4.000 Mitarbeiter, macht rund 950 Millionen Euro Umsatz im Jahr und ist in 41 Ländern aktiv. Ebenso Booking.com, das in 41 Sprachen benutzt wird und am Tag mit über 900.000 Reservierungen hantiert. 

Mit der Konferenz The Next Web, die 2006 das erste Mal in Amsterdam statt fand, startete die Startup-Szene in Amsterdam richtig durch. Kein anderes Ökosystem wuchs seitdem so schnell und in so kurzer Zeit, wie das in Amsterdam. 

B.Amsterdam und Rockstart sind die niederländischen Pendants zur Berliner Factory und dem hub:raum-Accellerator. Oscar Kneppers, Rune Theill and Don Ritzen - die Gründer des Inkubators Rockstart sind als die Startup-Pioniere Amsterdams bekannt wie bunte Hunde. 


Die Dachterrasse vom B.Amsterdam, Screenshot der Website


Nach nur zweijährigem Bestehen gelang es Rockstart, 20 Unternehmen zum Start zu verhelfen, die allein 150 Stellen schufen und 19 Millionen US-Dollar Funding einsammeln konnten. Beides sind Communities, bieten Büroräume und anders gearteten Platz zum Arbeiten und Kreativ-sein, haben beide eine Dachterrasse, organisieren Events und verbinden Menschen und Innovatoren. Rockstart ist zusätzlich Accelerator mit zwei Programmen: Smart Energy und Web/ Mobile. 

Besonders in den Bereichen Software, Space, smarte Energie, FinTech, digitale Gesundheit, Sharing-Technologie, hightech Hardware und 3D- Druck sind die Niederländer ganz weit vorn. 

"Wir werden weiter wachsen und auch weiter Talente aus der ganzen Welt anziehen. Und mit unserem Fokus auf hightech, denke ich, können wir souverän an die Zukunft herangehen." Bert-Jan Woertman vom High-Tech Campus Eindhoven

Investments und Deals

69 Millionen Euro wurden im ersten Quartal dieses Jahres nach Angaben von TechCrunch in niederländische Startups investiert. Damit starten unsere Nachbarn besser ins neue Jahr, als sie das Letzte beendeten (59 Millionen Funding im Quartal 4 2015), allerdings deutlich langsamer als im ersten Quartal 2015 (89 Millionen Funding für Startups). 

HenQ Invest, Prime Ventures, Keadyn oder 5square sind bekannte lokale Investoren, die Plattform StartupJuncture hat, um im großen Pool der Investoren den Durchblick zu behalten, sogar eine eigene Karte kreiert. Zur privaten Venture Capital Landschaft kommt noch die Dutch Venture Initiative mit einem europäischen 167 Millionen-Euro-Fund dazu.

Auch ausländische VC-Firmen sind mit einem europäischen Headquarter in Amsterdam auf der Suche nach lohnenswerten Investitionen. Auf der Seite iamsterdam.com beziffert die Stadt selbst die Auswirkungen dieser ausländischen Investitionen: In den ersten drei Quartalen wurden bereits 10.500 neue Jobs geschaffen. Die internationalen Investoren heben auch die Attraktivität der Stadt für weitere Investoren an: Amsterdam steht im IBM Global Location Trend Report 2015 hinter London, Paris und Singapur auf Platz 4.

Die größten Deals Anfang des Jahres drehten sich um 

Bluebee - Series A, 10 Millionen Euro investiert von den belgischen Investoren Capricorn ICT Arkiv, Korys und Biover, 

Gadeta - ebenfalls in Series A 7 Millionen Euro investiert durch Medicxi Ventures, Baxalta Ventures und Utrecht Holdings, 

Bux - 6.100.000 Euro durch den deutschen VC Holtzbrinck Ventures, 

Insided - Ventech, Fortino Capital und HenQ Invest stellten 6 Millionen Euro zur Verfügung und 

Robot Robots Company - die mit 5 Millionen Euro Funding von der niederländischen Regierung und privaten VCs ausgestattet wurden. 

Auch im Bereich Crowdfunding und Crowdinvesting sind die Niederländer weit vorn: Kein anderes Land hat so eine hohe Dichte von Crowdfunding-Plattformen per capita. Und entgegen aller amerikanischer Ansprüche wurde auch hier die erste Crowdfunding-Plattform der Welt gegründet: SellaBand, die Finanzierungsplattform für Musiker. 


Das Startup-Visa

Mit Neelie Kroes, der Internet-Zarin, hat die Niederlande eine starke und kluge Verfechterin der Digitalisierung. Bis 2014 war sie als EU-Kommissarin für die Digitale Agenda in dieser Mission unterwegs, kämpfte für einheitliche, europäische Bedingungen, weniger Bürokratie und mehr Förderung und Wachstum.

"Das ist ein Aspekt des Lebens, kein ja oder nein. Das Mindset, dass man in Tech-Startups findet, denkt nicht in Grenzen." - Neelie Kroes
 
Neelie Kroes
Neelie Kroes


Auch heute ist sie weiter politisch für die Startups aktiv (wie unter anderem im Startup Delta), unterstützt aber auch die Privatwirtschaft (sie ist zum Beispiel seit März bei Salesforce im Aufsichtsrat). 

Seit 2015 gibt es nun das Startup Visa - eine Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr für Entrepreneure und Startupper außerhalb der EU, die in der Niederlande ein Startup gründen möchten. Sie brauchen dazu allerdings einen Mentor, der die Gründer durch den Prozess des Wachstums begleitet. So sollen Wirtschaft und Wachstum langfristig gefördert und Talente der ganzen Welt nach Amsterdam gebracht werden. 

Im April 2016 gewann Amsterdam außerdem den iCapital- Preis von der Europäischen Kommission und ist jetzt europäische Hauptstadt für Innovation. Gegen acht Kandidaten setzte sich Amsterdam durch und gewann aufgrund der bottom-up-Art der Förderung von digitaler, sozialer Innovation, der innovativen Einstellung von Regierung und Ökonomie, klugem Wachstum und Startup-Lebensqualität.


Die Regierung in der Niederlande hat die Bedeutung der Startups für ökonomisches Wachstum erkannt, daher wundert es wenig, dass sie Auszeichnungen in Form von Preisen und Erfolg erhalten. Eine Aufenthaltsgenehmigung für Nicht-EU-Bürger kann eine Form von Personalmangel, zum Beispiel in den Bereichen IT und Webdevelopment sein. An den konkreten Maßnahmen und der so ausgedrückten Lust am Neuen können wir und die anderen EU-Länder noch eine nette Scheibe abschneiden. Lassen wir uns inspirieren!


Headerbild: Klaus D.Gøtz/ flickr


 

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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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