von Cristin Liekfeldt

Very british - Die Londoner Gründerszene

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Very british - Die Londoner Gründerszene

Interessiert an Austausch mit anderen Startups, Anregungen, Investorengesprächen und ein bisschen nass-kalte Londonluft? Dann gibt es hier einmal einen Überblick und einen Vorschlag, wie man den Tag in der Stadt mit den roten Telefonzellen und florierender FInTech-Szene verbringen könnte.

Manchmal gibt es Tage, an denen ich das Gefühl habe, mit jemandem Tee trinken zu müssen, meine Jacke bis oben hin zu schließen und überall Lemon Curd und Ales zu riechen. London und ich hatten stets ein besonderes, romantisch-naives Verhältnis. Ich liebe britisches englisch, mag die Häuser und das Backsteinhafte und bin andererseits immer wieder erstaunt, für eine Tasse Tomatensuppe sieben Pfund zu zahlen. Meine beiden favorisierten Stadtteile sind Crystal Palace und Bethnal Green und ich habe schon einmal einen ganzen Abend nur damit verbracht, in Pubs zu verkehren, die alle „The White Horse“ hießen. Es war ein langer Abend.

Berlin wird vor allem wegen der niedrigen Lebenshaltungskosten, der Kreativität in der Luft, der nach und nach kommenden Finanziers und der attraktiven Szene bei Startups geschätzt. Wenn ich dann an mein Portmonee nach einem Besuch in London denke, kann dessen Attraktivität schon mal nicht an ersterem liegen. Die FAZ berichtet, dass die durchschnittliche Miete gerade etwa 1500 £, rund 2000€ beträgt.

Wie sieht die Startups-Szene in London denn eigentlich aus? Begegnet man den Denkern und Influencern an der Tower Bridge? Oder eher in einem der schicken, neu interpretierten Fabrik-Cafés irgendwo in Hackney? Was sind die Anlaufstellen und Netzwerke? Oder spannende Startups?

London - das Headquarter der britischen Finanzbranche

"What's so special about London's tech scene is that it's transforming other industries – finance, fashion, advertising, it's a collision of fields and disciplines which isn't happening anywhere else." - Rohan Silva, Senior Policy Advisor der Premierministers und Mitgründer von Second Home, einem Co-Workingspace in East London

2014 konnte die Londoner Startupszene 1,35 Milliarden Euro Wagniskapital einsammeln, im ersten Quartal 2015 waren es bereits 850 Millionen, immerhin 2,5 mal so hoch wie im 1.Quartal 2014. Einst als größte Industrienation der Welt bekannt, spielt diese heute nur noch eine sehr kleine Rolle. Der Anteil der Industrie am BIP beträgt weniger als 18%. Finanzdienstleistungen sind der größter Sektor der britischen Wirtschaft. In London befindet sich die größte Dichte ausländischer Banken der Welt.

In Bezug auf Entrepreneurship lag London im europäischen Vergleich stets vorn, im ersten Halbjahr 2015 holte Berlin jedoch auf und konnte sogar etwas mehr Venture Capital einsammeln. Doch London hält laut der Welt trotzdem einige Superlativen bereit: neun Millionen Menschen wohnen hier, sie sprechen 300 Sprachen. Damit ist es die größte europäische Metropole. Außerdem gibt es dort die höchste Milliardärendichte und wohl mit das höchste Wachstum der Immobilienpreise – zweistellig jedes Jahr. So gefährlich die Parallelwelt der Sehr-Reichen in London auch ist – einen Vorteil gibt es: das Kapital für Startups ist vorhanden. Auch die Mieten im Silicon Valley sind schwindelerregend hoch, für eine eigene Wohnung blättert der Gründungswillige derzeit ebenso weit mehr als 1500$ hin. Trotzdem zieht es immer noch viele an, die big deals werden eben da gemacht, wo sie finanziell gemacht werden können.

“From our experience, if you are a good company with a good product, there is no lack of funding. Many of the entrepreneurs who have made money are now investing back into young businesses, and they are acting as mentors too.” wird Gerard Grech, chief executive der Organisation Tech City UK in The Independent zitiert.

Außerdem hat etwa jeder dritte Londoner einen Migrationshintergrund und der multikulturelle Melting Pot ist durch die Verschiedenheit seiner Bestandteile ein riesiger, internationaler Ideenpool. Deutschland dagegen hat zum Beispiel immer noch Probleme mit Bürokratie und Verwaltung, beispielsweise wenn es um Arbeitserlaubnisse geht. In der Septemberausgabe des Berlin Valley spricht Zalando-Gründer Robert Gentz unter anderem darüber.


London ist Startup-Hauptstadt
London ist Startup-Hauptstadt


Eine Art Stadtführer

Angenommen, ich bin zufällig einen Tag in London. Ich interessiere mich für Startups und bleibe gern über die internationale Szene auf dem Laufenden, brenne für neue Ideen und hätte auch nichts dagegen, vielversprechenden Investitionsmöglichkeiten über den Weg zu laufen. Wie würde mein Tagesablauf aussehen?

1. Frühstück im Aubaine, 38 Broadgate Circle.

Gut geschlafen? Dann kann der Tag ja losgehen. Erste Station könnte das Aubaine nahe des Bahnhofs Liverpool Street sein – hier findet regelmäßig dienstags das Table Crowd Breakfast statt – ein Meet and Eat für Gründer und Interessierte. Für 20 £ bekommt man hier ein leckeres Frühstück und interessante Menschen als Tischpartner. (Um die Ecke, in der Appolt Street 1 ist übrigens das erste White Horse zu finden)

2. Groupon.co.uk ist nicht weit von hier. In der 1 Swan Lane findet man das am Fluss gelegene, von außen wenig ansprechende Äußere. Aber es kommt ja darauf an, was drin steckt. Weiter nördlich, im Dreieck Old Street, Kingsland Road und der Commercial Street sind unheimlich viele Startups angesiedelt. Anhänger der technologie-orientierten Startupszene sind hier genau richtig. Zum genauer ansehen empfehle ich die Tech City Map.

3. Co-Working Space

Im Nordwesten des beschriebenen Dreiecks findet sich das net-works.london – ein Co-Working Space für alle: Business Partner, Gründer und Investoren. Man braucht eine Member Karte, um hier sein zu dürfen. Für ebenfalls 20£ kann man einen Platz zum Arbeiten und das Privileg, den hauseigenen Coffeeshop nutzen zu dürfen, erwerben. Vor allem Londoner sind hier, die monatliche Miete ist ein ganzes Stück billiger.

4. Mittag

Netzwerken und Nachdenken ist anstrengend. Da ist der Nahrungsaufnahme gebührender Respekt zu zollen. Jetzt gibt es multiple Möglichkeiten. Entweder man verabredet sich mit den eben kennengelernten Menschen zum Lunch im Bistro ums Eck oder nutzt eines der Lieferdienste based in London (Deliveroo oder Lunchbox London beispielsweise). Zur Not eben die Tomatensuppe für sieben Pfund.

5. Das London Entrepreneurs Network mit über 10.000 Mitgliedern bringt alle zusammen: diejenigen, die aus einer Idee ein Unternehmen machen wollen, die, die das schon getan haben, welche, die funding suchen und die, die investieren wollen und auch diese, die netzwerken, lernen oder skalieren möchten. Im Rockastar Hub, 3 Minster Court kann man direkt vorsprechen und schon mal ankündigen, wer man ist und was man will. Die Organisatoren schreiben, dass sie dann schon mal planen und einen Kaffee oder Tee vorbereiten. Very british!

Damit sind wir beinahe den ganzen Tag in The City umhergelaufen. Zeit, auf bequemere Fortbewegungsmittel umzusteigen. Natürlich kann man wie gewohnt die Tube oder eines der Black Cabs nehmen, die sharing economy ist aber auch in London angekommen. DriveNow und Uber gibt es hier auch, außerdem Zipcar oder man nimmt ein Santander Cycle, wenn der Sinn eher nach Fahrradfahren steht.

6. Zeit, den Tag ausklingen zu lassen. Noch Energie? Dann könnte man auf up.co nachsehen, ob und wer noch wo unterwegs ist. Jede Woche sind hier andere Events gelistet. Die party animals kommen - keine Frage - natürlich immer auf ihre Kosten. Hier wird früh in Pubs angefangen, denn um 3 am ist bekanntlich Schluss mit lustig. Noch immer ist das East End für sein schillerndes Nachtleben mit außergewöhnlichen Clubs bekannt, wo wenn nicht hier trifft man die extravaganten Nachtfalter. Ich für meinen Teil würde nach so einem Tag wahrscheinlich nostalgisch im Postal Order Pub weit weg von der Hektik der Innenstadt meine Eindrücke sacken lassen, dabei ein Cider trinken und mit älteren Männern Bridge spielen. Ein bisschen Old School muss schon sein.


Über 30 "the White Horse"-Pubs gibt es in London, 300 Co-Working-Spaces und 30 Inkubatoren und Acceleratoren
Über 30 "the White Horse"-Pubs gibt es in London, 300 Co-Working-Spaces und 30 Inkubatoren und Acceleratoren


Drei Zahlen am Rande: Es gibt über 300 (Co-)Working-Spaces, mehr als 30 Inkubatoren und Acceleratoren und über 30 Pubs in London, die „The White Horse“ heißen.

Empfehlenswerte Lektüre: Zum Starten oder als Fluglektüre könnte man sich schon mal auf http://www.tech.london/ einstimmen lassen. Auch die Regierung tut einiges für die Startup-Szene und wer sich wirtschaftspolitisch interessiert, wird zwangsläufig auch auf der Projekt cognicity stoßen.

The Wired veröffentlicht gerne Listen – hier die aktuelle mit den heißesten Startups aus London.

London, wir sind startklar.


Header: ©Estates Gazette/ flickr


 

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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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