von Cristin Liekfeldt

Der Himmel, unser Limit - die Geschichte des Crowdfunding

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Der Himmel, unser Limit - die Geschichte des Crowdfunding

Das erste dokumentierte Crowdfunding-Projekt der Welt ist tatsächlich der Sockel der Freiheitsstatue im Hafen von New York. Die Statue of Liberty war im späten 19. Jahrhundert ein Geschenk Frankreichs an die USA. Man einigte sich darauf, dass Frankreich die Statue produzierte und die Vereinigten Staaten den Bau des Sockels übernahmen. 

Was nicht allzu schwer klingt, stellte sich für die Amerikaner dennoch als schwierig dar: Die Finanzierung des Sockels konnte nicht gewährleistet werden. Joseph Pulitzer, damals Leiter der Zeitung New York World und Namensgeber des legendären Journalisten-Preises, veröffentlichte das Problem in seiner Zeitung und rief zu Spenden auf. Im Gegenzug sollten alle Namen der Sockel-Finanzierer in der World abgedruckt werden. Aufgrund dieses Aufrufs sammelten 120.000 Menschen innerhalb von sechs Monaten die benötigten 102.000 US-Dollar für den Bau des Sockels. 

Die Anfänge des Crowdfunding in Zeiten des Internets

Seit 2003, mit der ersten Crowdfunding-Plattform der Welt - artistshare.com - sind Fan-finanzierte Projekte mithilfe des Internets möglich geworden. Vielleicht hatten die Amerikaner durch die legendäre Finanzierung ihres Freiheitsstatuensockels die nötige Erfahrung; jedenfalls waren sie es, die die erste Plattform für Crowdfunding-Projekte online stellten. Mit Sellaband kam dieses Prinzip 2006 auch nach Deutschland. 

Noch richteten sich die Plattformen primär an Künstler und Musiker, die Hilfe bei der Produktion von kleinen Produkten, CDs oder bei der Durchführung von Festivals und Konzerten benötigten. Plattformen wie betterplace.org spezialisierten sich auf soziale oder ökologische Projekte. Erst ein paar Jahre später in 2009, dem Gründungsjahr der erfolgreichsten Crowdfunding-Plattform Kickstarter, erweiterte sich der Fokus auch auf Produkte und die jungen Unternehmen dahinter. 

Mit den ersten erfolgreichen Projekten wie die Pebble Watch (2012; Die erste Smartwatch, die sich mit dem Smartphone verbinden ließ, sammelte über 10 Millionen US-Dollar ein) oder dem Videospiel Start Citizen (2013: Mit 2,134 Millionen US-Dollar und über 34.000 Unterstützern war die Kampagne die erfolgreichste Crowdfundingkampagne für ein Computerspiel) schlug Crowdfunding ein wie eine Bombe. Als Pebble 2 vor knapp zwei Wochen die erneute Kampagne auf Kickstarter beendete, zeigte die Anzeige mit 66.673 Unterstützern und einer gesammelten Summe von 12.779.843 $ neue Rekordwerte

Durch das Internet wurde es möglich, über Ländergrenzen hinaus in Projekte zu investieren. Es konnten leicht Informationen über Gründer, Produkt und Markt bereitgestellt und von Fans gefunden und eingesehen werden. Schnell entwickelten sich die vier verschiedenen Arten von Crowdfunding: Spendenbasiertes Crowdfunding, gegenleistungsbasiertes Crowdfunding, Crowdlending und Crowdinvesting (equity-based Crowdfunding). Weil uns als Companisto die Entwicklung des Crowdinvesting ganz besonders interessiert, war ich am Donnerstag früh auf einem Vortrag mit dem Namen "Crowdfunding a skycraper: The Future of Investing and Financing"

Ursprünge des equity-based Crowdfunding in Amerika

Rodrigo Nino von Prodigy Network, eine Crowdfunding-Plattform für Immobilien aus New York, sprach auf dem diesjährigen TOA (Tech Open Air) über die Ursprünge des Crowdinvesting in Amerika. 

Nach dem Börsencrash 1929 und mitten in der Wirtschaftskrise fand der 32. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Franklin D. Roosevelt, die Investment-Branche voller Betrug, Korruption und Intransparenz vor. Deshalb brachte er 1933 den "Security Act" auf den Weg: Ab sofort musste sich jeder, der in Aktien, Immobilien oder andere öffentliche und private Angebote investieren wollte, bei der SEC registrieren. Aus der Idee geboren, Korruption und Betrug zu verhindern, erreichte der Security Act allerdings auch die Ausgrenzung aller anderen Menschen, die sich nicht registrieren durften und nun keinen Zugang zu diesem Teil des Finanzmarktes mehr hatten. 

80 Jahre später hatte sich ein starkes Ungleichgewicht gebildet, nur einige wenige waren wohlhabend - der Rest hatte nicht mal die Möglichkeit, zu investieren. Der neue Präsident Barack Obama brachte mit dem Jobs Act 2012 eine Sammlung neuer Gesetze ins Spiel, die vor allem dazu dienen sollte, die Arbeitslosigkeit, die nach der Finanzkrise 2007/2008 übrig geblieben war, zu bekämpfen.

Ein Teil dieses Job Acts war auch die Lockerung der Regulationen für Crowdinvesting-Plattformen. Alle Menschen sollten in junge Unternehmen investieren können und damit diesen Startups unter die Arme greifen. Im Prinzip, so Nino, hob Obama damit die VIP-Position von Wall Street-Bankern auf. 

"Obama eliminated the VIP. Now there was the paradigma of access for all. We did no longer have the Wall Street, we got John Street as well. And this could be the end of inequality." - Rodrigo Nino

Crowdfunding und Crowdinvesting wurden innerhalb kürzester Zeit immer wichtiger für Unternehmer und Mikro-Investoren. Beim Crowdfunding brauchte es neun Jahre, um die Funding-Summen von wenigen Tausend Euros oder Dollar auf Millionenbeträge zu steigern, Crowdinvesting entstand fast zeitgleich in Amerika und Europa sogar erst zwischen 2011 und 2012. Hier gab es nur 5 Jahre zwischen einem vierstelligen und einem sechsstelligen Betrag. Und es geht weiter hoch hinaus. 

Der Himmel, unser Limit: Die wirklichen Werte

Man nehme das Beispiel eines Entrepreneurs in Chile. Chile produziert den Großteil der Energie durch fossile Brennstoffe, jetzt gibt es einen Gründer, der ein Biomasse-Kraftwerk bauen möchte. Er ist Spezialist für erneuerbare Energien, kennt die besten Ingenieure, hat die Expertise, die Pläne. Nur 60 Millionen Dollar fehlen. Geht er damit zu einem Investor, stellt sich die Rechnung so dar: 

Das Kraftwerk kostet 60 Millionen Dollar. Es wird 40 Millionen Dollar Ertrag bringen. Nimmt man nun 60 Millionen Dollar Kapital und 40 Millionen Dollar Ertrag, dann kommt man auf eine Unternehmensbewertung von 100 Millionen Dollar. 

Für einen Wall Street-Investor wäre die Aufteilung des 40 Millionen Dollar klar: 38 Millionen davon bekommt der Investor, 2 Millionen der Entrepreneur, null der Konsument. Ein Crowd-Investor aber, also einen von der John Street, wie Rodrigo Nino es nennt, rechnet anders: Der Investor bekommt 10 Millionen, der Entrepreneur 10 Millionen und der Konsument 20 Millionen. 

Die Menschen investieren also nicht nur in Unternehmen, wie die akkreditierten und institutionellen Investoren, sie investieren in die Lösung ihrer Probleme. Der Wert von Crowdfunding ist nicht hauptsächlich das eingesammelte Geld, es ist die Community. "Wenn wir es weiterspielen und die Forschung an neuen Produkten vorantreiben, dann kann Crowdfunding die Evolution des kollektiven Bewusstseins werden." beschreibt Nino es am Ende seines Vortrages. "Die Wall Street-Leute sind furchtbare Unterstützer, weil sie einzig den Return of Investment im Kopf haben. Aber ein Rückfluss des eingesetzten Kapitals hat meistens nichts mit den großen Auswirkung auf unsere Welt zu tun."


Vielen Dank an dieser Stelle für den inspirierenden Input, Rodrigo!


 


 

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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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