von Cristin Liekfeldt

Superstars, Engel und Multitalente - Jobs in Startups

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Superstars, Engel und Multitalente - Jobs in Startups

Bei den Berufsbezeichnungen in typischen Startup-Stellenanzeigen bleibt einem manchmal die Spucke weg. Schon mal etwas von einem Happiness Officer oder einem Feel Good Manager gehört? Wie es kommt, dass immer neue Berufsbezeichnungen entstehen und ob das vielleicht sogar sinnvoll ist.


Sind wir nicht alle ein bisschen Manager?

Rider Manager, Feel Good Manager und Costumer Happiness Manager

Foodora, Premium Essenslieferdienst in der Delivery Hero-Mannschaft, sucht gerade einen Rider Manager für die liefernden Fahrrad-Fahrer. Zu den Aufgaben gehören die Betreuung der "großartigen Fahrerflotte", das Management des Bestands, Verantwortlichkeit für den operativen Geschäftsablauf und das Dasein als Ansprechpartner. Man könnte ihn wohl auch Teamleiter nennen, aber bei Rider Manager entsteht gleich viel besser das Bild eines in Leder gekleideten, rockigen Low-Rider-Piratenchefs mit seiner ebenfalls in Leder gekleideten, rockigen Crew. Dass es eher um Männer auf pinken Fahrrädern geht, verraten wir vorerst niemandem.

Der Costumer Happiness Manager überwacht Prozesse, ist Ansprechpartner für Kunden und betreut auch die Restaurant-Partner mit und holt Kundenfeedback ein. Mit anderen Worten und ein kleines bisschen schelmisch - Die Kindergärtnerin sorgt nicht nur für die Kinder, das wäre zu unklar, sie ist jetzt Children´s Joy Managerin und macht Kinder glücklich.

Ein Happiness Manager, wie Corinna bei der Medienagentur Sinnwerkstatt, ist dagegen für das Team da, managt es, Leute zusammen zu bringen, "den wesentlichen Dingen Raum zu geben" und eine gute Stimmung zu verbreiten. Happiness Manager waren früher als Office Manager bekannt und ganz früher als Sekretär_in, Personalchef_in und Kundenempfang gleichzeitig.

Jetzt aber ernsthaft. Über einige Begriffe für Berufe muss ich wirklich grinsen, aber bei einigen macht es wirklich Sinn, neue Bezeichnungen zu finden. Office Manager ist ein gutes Beispiel dafür: 'Sekretärin' hat einen leicht negativen Unterton, etwas Abfälliges, es ist eben oft die Beschreibung einer Vorzimmerdame aus den 50er Jahren, die außer Hübschsein und halbwegs einen Telefonhörer halten keinerlei Talente besitzen musste. Das hat aber heute nicht mehr das Geringste mit dem Alltag einer Office- oder Happiness- Mangerin zu tun und wird ihrer Tätigkeit nicht gerecht, die über die Büro-Organisation hinaus geht.

Ich habe einfach mal Alexis Bainger gefragt, was den Beruf Happiness Manager eigentlich ausmacht. Alexis arbeitet bei Ecosia, einer Suchmaschine, die ihre Erlöse dafür verwendet, Bäume zu pflanzen. Was machst du als Happiness Manager?

"Ich organisiere Team-Events wie wöchentliche Team-Frühstücks, Filmabende oder Tischtennis-Tourniere, sehe zu, dass immer genug Essen und Trinken da ist und packe Willkommens-Pakete für Neuankömmlinge. Aber die Herausforderung ist, wirklich nachhaltige Glücklichkeit zu kreieren. Und das geht viel tiefer. Tischtennis und Gratis-Obst macht den Alltag komfortabler, aber nicht langfristig glücklich. Hier geht es eher um die Förderung intrinsischer Motivation. Da geht es um Unäbhängigkeit, darum, Dinge zu meistern und eigene Ziele zu stecken. Wir haben bei Ecosia eine flache Hierarchie ohne Teamleiter, das heißt, jeder trifft seine eigenen Entscheidungen, koordiniert seine Arbeit und Projekte. Ich gucke darauf, dass jeder sich wohl und gewertschätzt fühlt und habe, als ich bei Ecosia anfing, auch mal den Zeitplan neu aufgestellt. Jetzt gibt es Donnerstags zum Beispiel einen No-Meeting-Day, damit die Produktivität nicht zu sehr leidet und auch mal jeder von zu Hause aus arbeiten kann. Ich finde heraus, welch Probleme es gibt und arbeite an Lösungen. Wir sind jetzt gerade für einen Monat zum Beispiel auf Zypern auf "Workation" - und so ermögliche ich, dass man jetzt auch in der Sonne arbeiten kann, statt von Berlin aus. Das zahlt zwar jeder selbst, aber das Angebot allein macht schon viel aus. Nichtzuletzt habe ich auch das neue Büro gestaltet, ich habe nämlich einen Grafik-Hintergund. Ich hoffe, man kann es sich jetzt etwas besser vorstellen, was ich so mache!"

Startups als Arbeitgeber

Startups stehen am Anfang ihres Lebensweges und wie jeder halbstarke Jugendliche ("Ich bin jung und brauche das Geld.") ergeht es auch ihnen - erst einmal muss alles zur Verfügung stehende Kapital zusammengekratzt und zusammengehalten werden. Deshalb verdienen Startup-Mitarbeiter weniger als die in etablierten Unternehmen, im Schnitt etwa 37.800 Euro brutto im Jahr, so eine Studie von StartupCVs, die die Daten von 5.000 Bewerbern auswertete.

Studie von StartupCVs zu den Gehältern im Startup-Business
Studie von StartupCVs zu den Gehältern im Startup-Business

Im Vergleich zu den sonst durchschnittlichen 49.000€ Bruttojahresgehalt von Berliner Hochschulabsolventen deutlich weniger also. Der Business Insider fragt deshalb:

"Welche Art Mensch will eigentlich in der Startup-Szene arbeiten? Verrückte? Anspruchslose? Unterqualifizierte? Oder doch die Mutigen? Die Motivierten? Die Top-Absolventen?"

Die Unternehmen müssen ihre Stellenbeschreibungen spannend und abwechslungsreich gestalten. Eben weil sie nicht durch hohe Gehälter anziehend sind oder sein können. Sie locken durch eine starke Teamhaltung, Modernität und positive Grundhaltung, durch Wertschätzung und Respekt sowie herausfordernde Aufgaben, an denen man wachsen kann.

Daher sind schnelle Aufstiege gerade in Startups möglich, die stark wachsen: Anfangs ist man noch der Community Manager, wenn dann im nächsten Jahr ein oder zwei neue Mitarbeiter dazukommen, um die Arbeit zu bewältigen, wird man Head of Community Management und dann, in drei Jahren Vice President.

Startups denken heute viel eher über Internationalisierung nach als die Vertreter der Old Economy - wir sind globaler, vernetzter, näher. Deshalb werden früh internationale Teams aufgebaut - ein weiterer Grund dafür, dass die Bezeichnungen alle englische Wortneuerfindungen sind. Jetzt ist man statt Kundenbetreuer eben Customer Relations Manager. Außerdem ist das Team das allergrößte Kapital eines Startups - dieses Team entscheidet oft über das Gelingen oder Scheitern eines Startups, nachzulesen auch unter dem Artikel über die Gründe, warum Startups scheitern. Und wenn ich offene, gute Mitstreiter und eine gute Arbeitsatmosphäre habe, dann bin ich viel eher dazu bereit, viel Zeit und Energie in die Entwicklung einer Firma zu stecken, trotz niedrigerer Bezahlung.

Neue Berufe werden geschaffen

Mit der Industrie 4.0 und der Digitalisierung ändern sich auch die Berufe. Deshalb gibt es jetzt einen Director Monetization (goodgames, Spieleentwickler), der die Strategie ertüftelt, wie man mit kostenlosen Spielen trotzdem Geld verdient, einen Travel Manager (Delivery Hero, Lieferdienst) weil die Wege mit den Geschäftspartnern viel häufiger um die ganze Welt gehen. Lovoo (Partnervermittlungs-App) sucht einen Atlassian evangelist (also einen Spezialisten für die Softwaretools von Atlassian mit beinahe reliös ausgeprägter Vorliebe) und Michael Page (Arbeitsvermittlung) einen "scrum master" - einen Prozessüberwacher von "agiler Softwareentwicklung", die es erst seit 1995 gibt.

Cookies (Banking-App) wartet auf einen "customer support angel", ebenfalls in Berlin kann jetzt ein Product Owner (Seven Senders, Logistic-Unternehmen) anfangen, also jemand, der im Endeffekt der Oberindianer von den Produkt Managern ist und alles, was dieses Produkt angeht, verantwortet.

Das ist ein ganz gutes Beispiel für die Schwierigkeit, es einfach zu halten. "Medien" zu studieren kann bedeuten, für 20 unterschiedliche Berufe ausgebildet zu werden - je nach Ausrichtung des Studiums. Ebenso verhält es sich mit den Berufen: Ein Community Manager kann den ganzen Tag am Telefon sitzen und Telefonakquise machen aber anderswo die Teamleitung in zwei verschiedenen Städten haben - der Begriff lässt Bedeutungsspielraum offen.

Man kann die Berufe der alten Wirtschaft auch nicht einfach mit den englischen Begriffen übersetzen. So ist ein Facility Manger längst nicht das, was einmal ein Hausmeister war, sein Beruf wurde um einige Verantwortlichkeiten erweitert - je nach Definition des Unternehmens. Also lieber die Beschreibung in der Stellenanzeige genau lesen.

Der PR-ler wird zum Storyteller

Die Anforderungen an die Startup-Bewerber haben einiges gemein: alle suchen Multitalente, Rockstars, Engel und Spezialisten. Prozesse, Abläufe, Dinge ändern sich. Das ist ja nichts Neues, von disruptiven Geschäftsmodellen spricht ja beinahe jeder.

Werbung ändert sich, Geschichten verkaufen Produkte auf emotionale Weise und heute besser als herkömmliche Hochglanz-Werbung, und alle wissen, dass der Cheeseburger bei McDonalds noch nie so ausgesehen hat, wie auf dem Plakat. Also wird der Öffentlichkeitszuständige zu einem Geschichtenerzähler, der gleichzeitig Kunden bindet, Image pflegt und Marketing betreibt - auf unaufdringliche, erzählerische Art und Weise, so ist es gedacht. Wir leben in einer Zeit, in der wir mit Informationen überflutet werden und stark selektieren müssen. Logische Konsequenz - wenn man nichts zu sagen hat, wird man nicht gehört. Deshalb brauchen wir Geschichten, die die Menschen interessieren.

Ich habe mal Filipp gefragt, warum er bei Cookies, einer App, mit der man überweisen und Geld empfangen kann, Storyteller statt PR-ler ist:

"PR heißt Press Relations. Storytelling geht weit darüber hinaus, sich um Berichterstattung zu kümmern und Anfragen zu beantworten. Wir leben in einer Zeit, in der "every business is a media business". Das heißt, dass Kommunikation viel komplexer ist, als lediglich Berichterstattung. Es geht um die Kommunikation mit dem Nutzer & der Außenwelt auf allen Ebenen. Über die App, die Website, die FAQs, Social Media, Videos, Konferenzen und natürlich auch Presse.

Die Kanäle sind gar nicht so relevant. Was zählt, ist die Geschichte. Die Geschichte des Produkte, des Unternehmens, der Gründer, der Kultur. Und das Ziel ist, all diese Geschichten zusammenzufügen und zu erzählen. Eine Marke zu schaffen, die einheitlich ist, emotional und spannend. Eine Marke, die Werte konsequent und nachhaltig verkörpert. Die wenigsten Unternehmen sind gut darin und vernachlässigen Storytelling oft bis zu einem Punkt, an dem es bereits zu spät ist.

Als Journalist und Schriftsteller habe ich bei Cookies diese Geschichte sofort gesehen. Und nun bin ich dabei, sie zu erzählen. Ob ich einen Artikel schreibe, ein Buch oder die Geschichte eines Startups erzähle – jedes Medium bringt seine Eigenheiten mit, aber was zählt, ist die Geschichte."

Und da macht sich ein in Leder gekleideter, rockiger Low-Rider-Piratenchef mit pinker Foodora-Box doch als Hauptfigur eigentlich ganz gut, oder?



 

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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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