von Jana Biesterfeldt

"Die Politik muss einen Rahmen schaffen, in dem KI frei atmen kann"

6 Minuten Lesezeit
Gefällt mir

Das Thema Künstliche Intelligenz ist zurzeit in sämtlichen Medien in aller Munde und polarisiert die Debatten.

Bundestagsabgeordneter Andreas Steier ist Berichterstatter für Künstliche Intelligenz (KI) der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. In unserem Interview spricht er über diese Aufgabe, KI made in Germany und wie Startups  dies unterstützen können.

Jana Biesterfeldt: Sie sind Berichterstatter für KI der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Was bedeutet das genau?

Andreas Steier: Im zuständigen Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung bin ich Berichterstatter meiner Fraktion für KI. Damit bin ich federführend verantwortlich für das Thema, bereite Positionspapiere vor, führe Gespräche mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft und stimme mich mit den Kollegen anderer Fraktionen ab. In dieser Funktion habe ich auch das Positionspapier der Arbeitsgruppe Bildung und Forschung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion „Deutschland auf dem Weg zur erfolgreichen KI-Nation“ verantwortlich erarbeitet. Den 10-Punkte-Plan gibt es zum Nachlesen.

Jana Biesterfeldt: Was fasziniert Sie am Thema Künstliche Intelligenz?

Andreas Steier: Schon vor meiner Zeit im Bundestag habe ich als Ingenieur in Luxemburg und den USA Module künstlicher Intelligenz mitentwickelt. Im Bereich Fahrassistenzsysteme werden intelligente Technologien schon länger eingesetzt. Und sie entwickeln sich in einem irren Tempo fort. Ganz wichtig: Künstliche Intelligenz ist kein Selbstzweck. Die Entwicklungen, die mithilfe künstlicher Intelligenz und maschinellen Lernens gerade so rasant voranschreiten, betreffen unser gesamtes Leben, den Erfolg unserer Wirtschaft ebenso wie soziale Teilhabe.

Es geht um Kernfragen unserer Gesellschaft: Wie werden wir künftig (auch im Alter) mobil sein? Wie arbeiten wir? Was investieren wir in unsere Gesundheit? Wie schaffen wir eine saubere Energieversorgung? Das alles bietet große Chancen, die wir in unserem Sinne nutzen müssen. Wir werden als Gesellschaft eine breite Diskussion darüber führen müssen, welchen Raum wir künstlicher Intelligenz bei der Beantwortung dieser Fragen geben.

Ich plädiere dafür, auf bewährte Strukturen zurückzugreifen. Ähnlich wie zu Zeiten der Industrialisierung sollten wir nach dem Prinzip der katholischen Soziallehre handeln. Schon damals hieß es: Die Technik muss dem Menschen dienen. Der Mensch stand im Mittelpunkt, so wurde der Grundstein für die soziale Marktwirtschaft gelegt.

Jana Biesterfeldt: Was kann KI für Deutschland tun? Wie kann KI „Made in Germany“ aussehen?

Andreas Steier: Wir müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren: hohe Qualität und Sicherheit, ein starker Mittelstand und top Grundlagenforschung. Deutschland ist Weltspitze in vielen technischen Märkten. Wir haben schon immer durch Qualität und Sicherheit überzeugt. Ich bin davon überzeugt, dass wir diesen Weg auch bei KI-Anwendungen gehen müssen. Eine KI „Made in Germany“ kann die sichersten und besten Ergebnisse erzielen – Sicherheit sowohl funktional als auch bei der Datensicherheit. Es gilt, Standards zu setzen und dadurch Vertrauen zu schaffen. So können wir letztendlich überzeugen.

Beispiele gibt es schon heute. Ein deutsches Technologie-Startup hat einen Übersetzungsdienst entwickelt, der binnen kürzester Zeit deutlich bessere Ergebnisse liefert, als beispielsweise Google Translate. Ich bin sicher, solche Beispiele gibt es zu Hauf. Wir müssen sie nur heben und die Macher bestmöglich unterstützen.

Jana Biesterfeldt: Laut einer Oxford-Studie könnte durch KI und Digitalisierung jeder zweite Job wegfallen. Muss der deutsche Sozialstaat Antworten auf diese Umwälzungen liefern?

Andreas Steier: Ja, wir müssen dieses Thema diskutieren und auf offene Fragen auch Antworten finden. Ob es der Sozialstaat ist, der hier gefragt ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Die viel zitierte Oxford-Studie ist von 2013 und wird seit 2017 vielfach aufgegriffen. Seitdem hat sie sich interessant verselbstständigt. Die Zahlen beruhen auf einer qualitativen Einschätzung einer kleinen Gruppe von Robotik- und Computerforschern über ausgewählte Berufe in den Vereinigten Staaten. 

Meine persönliche Kritik an der Studie, bzw. dem, was daraus gemacht wurde, ist die eingeschränkte Sicht auf viele Berufe, beispielsweise auf die Arbeit in einer industriellen Fabrik. Die Facharbeiter dort machen zumeist anspruchsvolle Jobs und keine stumpfe Routinearbeit, die mal eben eine KI übernehmen könnte. Das Thema muss man sich ganzheitlicher ansehen. Ja, es gibt Jobs, die durch künstliche Intelligenz wegfallen werden. Es gibt aber vor allem Arbeitsplätze, die sich verändern werden. Und es gibt Jobs, die neu entstehen. Letzteres wird vor allem dann zum Tragen kommen, wenn wir im globalen Wettbewerb mit der internationalen Konkurrenz mithalten können. Es ist wichtig darüber zu sprechen, wie wir mit Änderungen gesellschaftlich umgehen. Die Förderung lebenslangen Lernens kann eine Antwort darauf sein.

Jana Biesterfeldt: Wie könnten gesetzliche Rahmenbedingungen für den KI-Markt aussehen?

Andreas Steier: Wir müssen das Wissen über die KI dahin bringen, wo das Wissen über die Märkte liegt. Heißt konkret: Ich plädiere für ein Transfer-Netzwerk zwischen Forschung und Startups bzw. Mittelstand. Unser Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Wir müssen ihn enger mit der Forschung verknüpfen. Forschungseinrichtungen müssen bei Gründungen unkompliziert unterstützen können, aber auch mit bestehenden KMU zusammenarbeiten, die neue Technologien zur Anwendung bringen. Wir brauchen ein bundesweites Netzwerk, das einen niedrigschwelligen Einstieg schafft und schnell aktiv wird. Den Unternehmen wiederum müssen wir so die Möglichkeit geben, ihre Daten sicher zur Verfügung stellen zu können – damit die Forschung aus ihnen neues Wissen und neuen Fortschritt generieren kann. 

Das wesentliche Ziel: Deutschlands wirtschaftliches Rückgrat – unseren Mittelstand – in eine gesellschaftliche KI-Strategie einbinden. So wird exzellente Forschung zu wettbewerbsfähiger Anwendung. Für alle gesetzlichen Regelungen im Hinblick auf die KI muss gelten: Wir brauchen keine Überregulierung. Politik muss einen Rahmen schaffen, in dem KI frei atmen kann.

Jana Biesterfeldt: Für mehr Innovationen in punkto KI kann die finanzielle Förderung von Startups hilfreich sein. Was kann Deutschland dafür mehr tun?

Andreas Steier: Wir brauchen ein KI-Förderprogramm für Startups und KMU. Dies soll zielgerichtet funktionieren, nicht nach dem „Gießkannenprinzip“. Teilbereiche der KI sollen durch spezielle Fördersysteme schnell anwendbar gemacht werden. Für die Förderung ist ein Kriterienkatalog zu entwickeln, der beispielsweise folgende Anforderungen enthält: fähige Algorithmen, Schaffung freier Ressourcen, gesellschaftliche Vorteile/Erkenntnisse. Die Gründung von KI-Startups ist eines, aber nicht das wichtigste Kriterium für den KI-Wissenstransfer von der Forschung in die Wirtschaft. Auch die Nutzung von Forschungswissen durch bestehende Unternehmen ist ein entscheidender Aspekt, der weiter gefördert werden muss.

Jana Biesterfeldt: Herr Steier, vielen Dank für das Interview!


Über die Person:

Andreas Steier ist der direkt gewählte CDU-Bundestagsabgeordnete für Trier und Trier-Saarburg. Er ist Berichterstatter für Künstliche Intelligenz, Mobilitätsforschung, Speichertechnologien und außeruniversitäre Forschung. Außerdem ist er ordentliches Mitglied der Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz des Deutschen Bundestags. 


 

EMPFOHLENE ARTIKEL



Kommentare

Das Kommentieren ist nur für registrierte Companisten möglich. Bitte melden Sie sich an, um kommentieren zu können.

Hinweis
Der Erwerb dieser Vermögensanlage ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Vermögens führen.

Folgen Sie uns

Kontakt
Ihr Ansprechpartner bei Fragen rund ums Investieren auf Companisto:
Sascha Jung
Investor Relations

Kostenlose Rufnummer für Investoren

0800 - 100 267 0 (DE)
0800 - 100 267(AT / CH)

Servicezeiten von Mo-Fr 9-19 Uhr.

Companisto GmbH
Köpenicker Str. 154
10997 Berlin
Newsletter
Der E-Mail-Newsletter ist jederzeit mit einem Klick abbestellbar.
Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
Investoren-Support