von Cristin Liekfeldt

Christian Schultz: "Wir sind an unsere Belastungsgrenzen gestoßen"

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Christian Schultz:

Das Tech-Startup EN3 aus Rostock entwickelt innovative Systeme zur CO2-freien Stromerzeugung aus ungenutzter Rest- und Abwärme. Mit seinen umwelt- und ressourcenfreundlichen Energiesystemen leistet EN3 einen wertvollen Beitrag zu einer nachhaltigen Energieerzeugung. Am Freitag, den 17.02.2017 muss das Unternehmen Insolvenz anmelden. Wir haben mit Christian Schultz, Geschäftsführer und Investor der GmbH, über die Entwicklung von EN3 gesprochen.


Cristin: Lieber Herr Schultz, am Freitag melden Sie die vorläufige Insolvenz für EN3 an. Was führte dazu? Gab es einen einzelnen Grund oder wirkten hier unglückliche Umstände zusammen?

Christian Schultz: Es waren vornehmlich zwei Gründe, die zu der vorläufigen Insolvenz von EN3 führten. Der erste war die gescheiterte Finanzierung mit dem luxemburgischen VC-Fonds BAPE. Obwohl der Vertrag bereits unterzeichnet war und der Fonds uns die Zahlung mehrfach zugesichert hat, wurde nur ein Bruchteil der vereinbarten Summe an uns ausgezahlt. Dass der Fonds nun selbst abgewickelt wird, zeigt die Situation dort, hilft uns allerdings jetzt auch nicht mehr weiter.

Der zweite Grund ist die sich ständig ändernde politische Lage. Dabei geht es vor allem um das EEG- das Energieeinspeisungsgesetz. Als Hersteller von ORC- und CRC-Anlagen sind wir von bestimmten gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Einspeisevergütung abhängig. Mit den Änderungen 2009, 2011/12 und 2014 haben wir ständig mit Neuerungen im Gesetz zu tun – das verunsichert nicht nur unsere Kunden sondern auch Investoren. Viele Biogasanlagenbetreiber- und BHKW- Hersteller haben deshalb in den letzten paar Jahren Insolvenz anmelden müssen. Diese unsichere Lage führte auch dazu, dass kaum noch Clean-Tech-Fonds aufgesetzt wurden.


Cristin: Sie sind bei dem Versuch, EN3 weiter zu führen, an Ihre Belastungsgrenze gestoßen. Wie liefen die letzten Wochen und Monate für Sie ab?

Christian Schultz: Nun ja, ich bin ein fleißiger Arbeiter, aber jeder hat seine individuellen Grenzen. Wir haben in den letzten Wochen immer 60 Stunden durchgearbeitet, alle Möglichkeiten ausgelotet und an allen sieben Tagen der Woche an der Weiterführung von EN3 gearbeitet. Aber irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man vor vollendeten Tatsachen steht. Alles ist nur in einem gewissen Maße tragbar und wir mussten erkennen, dass wir jetzt an dem Punkt sind, an dem über wir keine liquiden Mittel mehr verfügen.


Cristin: Ab welchem Punkt wussten Sie, dass EN3 Probleme hat? Wie sind Sie damit umgegangen und wie haben Sie reagiert?

Christian Schultz: Die Probleme fingen mit der Zahlungsunfähigkeit des Fonds an. Das war eine klassische Kettenreaktion: Die Investoren des Fonds haben sich nicht an ihre Verträge gehalten und nicht in den Fonds eingezahlt. Damit war der Fonds nicht zahlungsfähig, auch wenn man mit uns ebenfalls schon den Vertrag unterzeichnet hatte. Dies wurde von einer Bank auch geprüft, änderte aber nichts an der Situation.

Damit mussten wir also umgehen. Zunächst haben wir die „leichten Kosten“ wie Marketing- Kosten ausgesetzt und mussten unsere Ziele nach hinten verschieben. Dann mussten wir Personal abbauen. Trotz allem mussten wir zwischen dem Sparen und Investieren eine Balance finden, die Technologie musste weiter vorangetrieben werden. Denn um neue Investoren zu überzeugen, brauchten wir die fertige Technologie. Dafür sollte die Feldversuchsanlage komplett aufgebaut und an eine Biogasanlage angedockt sein. Die Suche nach neuen Investoren hat sich dann leider aus den genannten Gründen als schwer herausgestellt.


Cristin: Gibt es Dinge, die Sie rückblickend anders machen würden?

Christian Schultz: Was ich jetzt schon sagen würde, ist dass wir hätten versuchen sollen, gerade in der Anfangsphase mit noch einer höheren Seed-Finanzierung zu starten. Auch wenn die Summe von 2 Millionen Euro inklusive Fördermitteln auch schon ambitioniert war, braucht die Infrastrukturbranche im Cleantech- Bereich eine größere Kapitalausstattung. Das hätte uns helfen können.


Cristin: Was macht die Insolvenz-Anmeldung mit Ihnen? Wie fühlen Sie sich?

Christian Schultz: Ich habe mich ja schon länger mit dem Prozess auseinandergesetzt und kenne die Situation bereits aus 15 Jahren Erfahrung als Venture Capital Investor. Das gehört aus Investorensicht einfach dazu. Wichtig ist, dass man weiß, dass man wirklich bis zum Schluss alles gegeben hat, um die Firma voranzubringen.


Cristin: Was bedeutet die Insolvenz für die Companisten?

Christian Schultz: Das Unternehmen EN3 hat keine größeren Schulden. Die Lohnforderungen werden erst ab Ende Februar einsetzen und abzüglich dieser Kosten haben wir keine weiteren Schulden, weder bei Lieferanten noch bei Produzenten oder ähnlichem. Aus meiner jetzigen Sicht stehen die Companisten daher an erster Stelle der Gläubiger. Sollte es einen Erlös geben, werden sie daher anteilig bevorzugt an diesem Erlös beteiligt. Das muss schlussendlich aber natürlich der Insolvenzverwalter einschätzen und beurteilen.


Cristin: Eine Insolvenzanmeldung bedeutet noch nicht das Aus. Wie geht es mit EN3 weiter?

Christian Schultz: Ich bin Investor und Geschäftsführer von EN3. Als Investor ist das Unternehmen EN3 damit zu einem Ende gekommen, ich werde aber natürlich weiter alles tun, damit das Unternehmen einen neuen Investor oder Käufer findet. Und als Geschäftsführer ist es erst einmal wichtig, die Mitarbeiter unterzubringen und alles zu unternehmen, damit EN3 in andere Hände gelegt werden kann. Ich glaube weiterhin an die Technologie, aber nicht mehr an die Politik in diesem Bereich und komme somit als Mitinvestor nicht mehr in Frage. Die Patente bleiben weiterhin bei EN3, wenn der Insolvenzverwalter weiter dafür zahlen kann. Aber diese Patente könnten auch weiterverkauft werden, vielleicht an chinesische Investoren. Diese sind derzeit wohl offener gegenüber der Technologie als europäische Investoren.


Cristin: Oft entsteht Erfolg auch aus einem Misserfolg: Nach dem Prinzip Try and Error zu handeln, heißt, es in Kauf zu nehmen, dass man manchmal daneben liegen muss um beim nächsten Mal zielsicher ins Schwarze zu treffen. Trifft das für Sie auf das Gründerleben zu?

Christian Schultz: Definitiv. Starke Persönlichkeiten halten das auch aus. Aus dem Scheitern lernt man, erkennt neue Perspektiven und geht dann neue Wege.


Cristin: Deutschland ist nach Singapur der Ort, an dem das Scheitern am wenigsten toleriert wird und am meisten stigmatisiert, so eine Studie aus Lüneburg. Welche Erfahrungen haben Sie als Gründer und Investor mit dieser Verurteilung von Fehlern gemacht?

Christian Schultz: Dieses Stigma mag existieren, aber ich wäre kein guter Gründer und kein guter Investor, wenn ich das nicht wegstecken würde. Ich kann das als Investor auch nur in Teilen beurteilen – ich habe unter anderem auch Investments in den USA und mache mir dieses Scheitern nicht zu Eigen. Das ist völlig normal. Für mich sind andere Faktoren wichtig – beispielsweise wie meine Familie und mein Umfeld damit umgeht. Natürlich gibt es da auch Gespräche, denn seit der Gründung von EN3 in 2008 sind viele Arbeitsstunden und noch mehr Energie in das Unternehmen geflossen. Jetzt muss ich vor meinen drei Kindern und meiner Frau eingestehen, dass die vergangenen sieben Jahre nicht zum gewünschten Erfolg geführt, sondern mir vornehmlich Lebenserfahrung gebracht haben.


Cristin: Vielen Dank für das Interview, Herr Schultz. Auch wir haben bis zur letzten Minute mitgefiebert und waren stolz, ein so innovatives Unternehmen unterstützt zu haben.Wir wünschen Ihnen und den Mitarbeitern von EN3 von Herzen alles Gute für die Zukunft.


 

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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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