von Cristin Liekfeldt

Wagniskapital für eine neue Gründerzeit

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Wagniskapital für eine neue Gründerzeit

Junge Unternehmen treiben Innovationen voran, weil sie neue Technologien oft als erstes aufgreifen. Dadurch schaffen sie Arbeitsplätze und leisten einen Beitrag zum Wirtschaftswachstum. Dennoch sehen sich Gründer in Deutschland von schwierigen Rahmenbedingungen umgeben, die Unternehmensgründungen erschweren. Auch im Bereich Wagniskapital hinkt Deutschland hinterher. Während Länder wie Großbritannien, USA, Israel oder Schweden eine lebhafte Venture-Capital-Branche haben, herrscht hierzulande noch immer eine Mangel an Kapital für Startups. Woran liegt das? Und was kann die Politik tun, um die Rahmenbedingungen für Gründer zu verbessern?

Um diesem Thema auf den Grund zu gehen, hatte die Friedrich-Naumann-Stiftung in Kooperation mit dem Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) renommierte Gäste zur Veranstaltung „Wagniskapital für eine neue Gründerzeit“ eingeladen. Darunter waren Sebastian Czaja (Vorsitzender der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus), Ulrike Hinrichs (BVK-Geschäftsführerin), Michael Scherrer (Gründer und Geschäftsführer der Caterna Vision GmbH) und Dr. Klaus Stöckemann (Mitbegründer und Geschäftsführer der Peppermint VenturePartners).

Nach einer kurzen Eröffnungsrede durch Anne Wellingerhof, leitende Mitarbeiterin der Friedrich-Naumann-Stiftung, ergriff BVK-Geschäftsführerin Ulrike Hinrichs das Wort. Sie machte mit einem kleinen Gedankenexperiment darauf aufmerksam, wie häufig moderne Technologien von Google, über Facebook und Snapchat, bis hin zu Uber allein in einer Minute auf der Erde genutzt werden. Sie sind aus dem Alltag westlicher Gesellschaften kaum noch wegzudenken.


Deutschland hat im Bereich Wagniskapital noch immer Nachholbedarf


Diese Firmen konnten ihre Technologien jedoch nur mit Hilfe von Wagniskapital realisieren. Die Frühphasen-Investoren von Snapchat, das jüngst seinen Börsengang vollzog, wurden für ihr Engagement mit bis zu 2000 Prozent Rendite belohnt. Doch deutsche Firmen sucht man in der Aufzählung bei Exits solcher Größenordnung vergebens und dies ist kein Zufall. „Ich muss ihnen die Zahlen nicht nennen, alle hier Anwesenden wissen, dass es in Deutschland an Wagniskapital mangelt“, so Hinrichs weiter.

Die Zahlen sprechen Bände: Anzahl und Volumen der Wagniskapital-Investitionen in Deutschland nahmen im letzten Jahr deutlich ab, wie aus der Venture-Capital-Bilanz 2016 von KPMG hervorgeht. Von 405 Deals im Jahr 2015 fiel die Zahl auf 345 Deals im Jahr 2016, was einem Rückgang von 15 Prozent entspricht. Auch das Transaktionsvolumen war im letzten Jahr rückläufig: Das Volumen halbierte sich fast und fiel von 3,6 Milliarden Euro auf 1,9 Milliarden Euro.

"Marktteilnehmer und Politik sind weiterhin dazu aufgerufen, gemeinsam Wege zu finden, mehr Kapital für deutsche Startups zu mobilisieren." Ulriche Hinrichs, Geschäftsführerin BVK

„Marktteilnehmer und Politik sind weiterhin aufgerufen, gemeinsam Wege zu finden, mehr Kapital für deutsche Startups zu mobilisieren“, so Hinrichs zur aktuellen Lage des Marktes. Auch in der Kommunkation sehe sie Nachholbedarf. Noch immer herrsche besonders unter deutschen Mittelständlern die Ansicht, Gründer „müssten erstmal etwas auf die Reihe bekommen“, obwohl sie bereits einen nenneswerten Beitrag zur Volkswirtschaft leisten. Diese Sicht werde durch eine gewisse „Garagenromantik“ verklärt, nach der Gründer Menschen seien, die in der heimischen Garage an innovativen Produkten tüfteln.

Dass dieses Bild überholt ist, zeigte Michael Scherrer, Gründer und Geschäftsführer der Caterna Vision GmbH. Er musste sich als Startup-Gründer an seinen Markt anpassen, und der sei nunmal von etablierten Teilnehmern wie Ärzten und Krankenkassen geprägt. Wer sich da Gehör verschaffen wolle, könne nicht in Turnschuhen und T-Shirt auftauchen, so Scherrer. Die Caterna Vision GmbH ist ein Startup aus dem Bereich Digital Health und bietet therapiebegleitende Behandlungsmethoden für Augenkrankheiten als App an.

Caterna ist eine Ausgründung der Technischen Universität Dresden. Im ersten Anlauf scheiterte das Unternehmen, weil es die Eintrittsbarrieren des deutschen Gesundheitsmarktes unterschätzte. In den zweiten Anlauf stieg dann auch Dr. Klaus Stöckemann ein, den besonders das Produkt überzeugte. Stöckemann ist Mitbegründer und Geschäftsführer der Wagniskapital-Gesellschaft Peppermint VenturePartners. Der VC-Investor mit Sitz in Berlin hat sich auf Investitionen im Bereich Medizintechnik und Digital Health spezialisiert.


Wirtschaft und Politik müssen mehr Akzeptanz für die Digitalisierung schaffen


Stöckemann sieht viel Nachholbedarf bei der Schaffung von Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung für digitale Anwendungen im Bereich Gesundheit. Auf einer Universitätsveranstaltung mit Bachelor-Studenten habe er einmal gefragt, wer schon mal eine Digital-Health-App genutzt habe und als sich nur zwei Studenten im gesamten Saal meldeten, habe er „zwei Wochen Depressionen gehabt“, so Stöckemann scherzend.

"95 Prozent unserer Aufträge kommen immer noch per Fax, nämlich von Ärzten. Wir hoffen deshalb, dass die Telekom das ISDN bald abschaltet." - Michael Scherrer, Gründer und CEO von Caterna Vision GmbH

Michael Scherrer bestätigt die Technologie-Verdrossenheit in Deutschland mit einem Beispiel aus seinem Geschäftsalltag. „95 Prozent unserer Aufträge kommen immer noch per FAX, nämlich von Ärzten“, so Scherrer. „Wir hoffen deshalb, dass die Telekom das ISDN bald abschaltet“, scherzt er. FDP-Politiker Sebastian Czaja antwortet: „Damit würden sie die Berliner Verwaltung Schachmatt setzen.“

Czaja sieht die Zurückhaltung der Deutschen gegenüber neuen Entwicklungen als Herausforderung für die Politik. „Wir müssen den Leuten die Angst vor der Digitalisierung nehmen“. Der Vorsitzende der Berliner FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus setzt sich für ein besseres Gründungsklima und eine funktionierende Wirtschaftspolitik in Berlin ein. Die Bundeshauptstadt biete Gründern kurze Wege und den direkten Austausch mit Interessensvertretern, „aber das war’s dann auch schon“, konstatiert er. „Wenn jede Woche 200 Startups dicht machen, dann müssen wir uns auch fragen, ob da nicht auch ein Bürokratie-Problem vorliegt.“




Neue Impulse für Startup-Standort Deutschland werden benötigt


Berlin, lange Zeit als europäische Startup-Hochburg gefeiert, ist im letzten Startup-Monitor von Ernst & Young aus der Gruppe der Spitzenreiter gefallen. Nachdem die Bundeshauptstadt sich im Jahr 2015 noch dank einiger sehr großer Investitionen Europas Start-up-Hauptstadt nennen konnte, sackte Berlin im letzten Jahr auf den vierten Platz ab. Auf Platz Eins lag London (2,2 Milliarden Euro), gefolgt von Paris (1,3 Milliarden Euro) und Stockholm (1,2 Milliarden Euro).

Czaja sieht auch im Bereich Digital Health Potenzial für Berlin. So ließen sich etwa ausgebildete Ersthelfer mit Hilfe einer App in die Erstversorgung bei Notfällen einbinden. Dadurch könnte Berlin die Zeit, bis ein Rettungswagen am Einsatzort angelangt, sinnvoll überbrücken. Als möglichen Standort für Startups aus dem Gesundheitsbereich brachte der FDP-Vorsitzende Berlin-Buch ins Spiel, wobei es allerdings noch Investitionen in Höhe von zehn Millionen Euro bedürfe, unter anderem um eine Autobahnanbindung zu schaffen.

Dann wird noch ein altet Vorschlag aufgewärmt: Schülern Unternehmertum in einem eigenen Unterrichtsfach nahe zu bringen. Aus dem Publikum gibt ein Mann aus der Berliner Verwaltung zu bedenken, dass die Lehrpläne der Schulen schon jetzt zu voll und die finanziellen Mittel zu knapp sind. Man müsste also für ein solches Fach an anderer Stelle kürzen, von den nötigen Lehrkräften ganz zu schweigen.

Investor Stöckemann sieht bei der Schaffung der richtigen Rahmenbedingungen für Gründer nicht nur die Politik in der Pflicht. Ein Unterrichtsfach „Entrepreneurship“ könne zwar ein guter Ansatz sein, so wie auch frühzeitige Praktika in der Schule. „Doch dazu gehören immer zwei“, gibt er zu Bedenken und meint damit die Eltern, die er in der Pflicht sieht, die Lust auf Unternehmertum bei ihren Kindern zu wecken. Wenn er es in seiner Rolle als Investor beispielsweise mit Gründern aus Unternehmerfamilien zu tun habe, sei das „ein Unterschied wie Tag und Nacht“.  


Headerbild: ©Jason Rosewell, unsplash.com


 

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Quelle: Eigene Recherchen. Hierbei wurde u.a. auf Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zurückgegriffen.
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